Gegner-Check
Gegner-Check Darmstadt: Die ewige Suche nach der Balance

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So lief's seit dem Hinspiel: Wir machen ungern auf Besserwisser, weil wir eigentlich ja auch nur ab und zu mal etwas besser wissen, aber: In unserem Gegner-Check vorm Hinspiel hatten wir geschrieben, wir wunderten uns, dass Darmstadt 98 in all den Saisonprognosen nur selten als Aufstiegsfavorit genannt wurde. Dabei könnten die Lilien doch - im Gegensatz zu fast allen Konkurrenten - mit einer eingespielten Einheit starten. Sie verzeichneten kaum Abgänge, und ihr Trainer hatte bereits eine dreiviertel Saison lang Gelegenheit, an seiner Vision vom perfekten Fußball zu feilen. Und siehe da: Der SVD hat unsere hohe Einschätzung bestätigt. Aktuell steht er auf Relegationsrang 3. Er hätte vergangene Woche sogar an die Tabellenspitze springen können, aber bei der Berliner Hertha reichte es am Ende trotz Überzahl nur zu einem 2:2. Ansonsten gibt's am Böllenfalltor kaum einen Grund, unzufrieden zu sein. Außer am Betzenberg (1:3) hat das Team von Coach Florian Kohfeldt bislang nur auf Schalke (0:1) verloren, und wie dramatisch es "uffem Betze" zuging, haben beide Seiten noch in lebhafter Erinnerung.
Dass die Hessen die Tabelle nicht souverän anführen, liegt daran, dass sie sich zu viele Unentschieden leisten. Achtmal schon haben sie nur remis gespielt, so oft wie kein anderes Team der Zweiten Liga. Was eine unserer Lieblingsthesen bestätigt: Unentschieden werden gemeinhin überschätzt, da seit Einführung der Drei-Punkte-Regel das Glas nach einer Punkteteilung eben nicht mehr halb voll ist, sondern zu zwei Dritteln leer. Auch wenn Spiele ohne Sieger verdammt unterhaltsam sein können, gerade mit Darmstädter Beteiligung - so wie etwa ihr 3:3 in Bochum vor drei Wochen.
Das hat sich geändert: Im Sommer sei am Kader lediglich "Feintuning" notwendig gewesen, im Winter stehe nur noch "Microtuning" an, erklärte Sportchef Paul Fernie unlängst im "Kicker"-Interview. Naja. Niklas Schmidt (27) - eine "Micro"-Verpflichtung? Den Ex-Bremer lieh sich Fernie aus Toulouse, in Berlin durfte er anstelle des bis dato gesetzten Sechsers Kai Klefisch (26) ran. Sommer-Einkauf Leon Klassen, der auf der linken Abwehrseite an Fabian Nürnberger (26) nicht vorbeikam, ist im Winter nach Graz verliehen worden. Für ihn sucht jetzt der aus Toronto geholte Italiener Raoul Petretta (28) seine Chance. Aus dem U21-Nachwuchs der Bayern liehen sich die Lilien das Innenverteidiger-Talent Grayson Dettoni (20), setzten es allerdings noch nicht ein.
Gewinner und Verlierer: Der schwedische Stürmer Isac Lidberg (27) war schon vergangene Saison torgefährlich, jetzt trifft er noch besser und führt mit zwölf Treffern die Torjägerliste an. Gerüchte über "unmoralische Angebote", die ihn aus Darmstadt weglocken könnten - etwa aus Hamburg oder Mainz -, haben sich in der Winterpause nicht konkretisiert. Kommenden Sommer wird's sicher neue geben. Mit Fraser Hornby (26) weiß Lidberg einen Sturmpartner neben sich, der ebenfalls weiß, wo das Tor steht. Beim 2:2 in Berlin erzielte Hornby beide Treffer. Mit Killian Corredor (25) verfügen die Lilien sogar noch über eine dritte Offensivkraft mit Abschlussqualität, die zurzeit allerdings verletzt ausfällt.
Im zentralen Mittelfeld hat sich der aus Japan geliehene Hiroki Akiyama (25) so gut bewährt, dass Fernie die Kaufoption zog. Und Rückkehrer Patric Pfeiffer (26), der nach seinem Abgang 2023 weder in Augsburg noch auf verschiedenen Leihstationen glücklich wurde, ist an alter Wirkungsstätte wieder aufgeblüht und als Innenverteidiger gesetzt. Der vielen FCK-Fans unheimliche Zwei-Meter-Mann Aleksandar Vukotic (30) allerdings, im ersten Saisondrittel noch Pfeiffers etatmäßiger Nebenmann, hat seinen Startplatz in den vergangenen Wochen an Matej Maglica (25) abgegeben.
Der Ex-Lautrer Paul Will (26), der sich nach seinem Kreuzbandriss gegen Ende der Hinrunde mit Kurzeinsätzen wieder an die erste Elf herangearbeitet hatte, hat sich in der Winterpause nach Fürth ausleihen lassen. Der Ex-Mainzer Jean-Paul Boëtius, für den sich am Böllenfalltor keine Perspektive mehr bot, hat seinen Vertrag diese Woche aufgelöst.
Zahlenspiele: Sie haben nach Elversberg die meisten Tore in der Liga erzielt und schon achtmal Aluminium getroffen. Offensive ist beim SVD also Trumpf - und wohl auch deswegen liegen ihre xGoals-Werte einen Tick höher (37,6), als die tatsächlich gebuchten Treffer es aussagen (36). Seit Lauterns Niederlage vergangene Woche gegen Elversberg sind die Heiner bestes Heimteam der Zweiten Liga: 24 Punkte in zehn Partien, sieben Siege, noch keine Niederlage. Ein dickes Brett also für den FCK, zurzeit 14. der Auswärtstabelle.
Mit Akiyama (93,27 Prozent Passquote) verfügen die Darmstädter über den gegenwärtig passsichersten Zweitliga-Spieler nach dem Münsteraner Paul Jaeckel (93,86 Prozent). Der Lautrer Maxwell Gyamfi (92,91 Prozent), in diesem Ranking lange Zeit Tabellenführer, ist da mittlerweile auf Platz 4 zurückgefallen. Jaeckel spielt allerdings im Mittelfeldzentrum einer ballbesitzbetont auftretenden Mannschaft, Akiyama in einer, die auf weniger Ballzirkulation ausgerichtet ist. Denn der SVD weist mit durchschnittlich 48 Prozent Ballbesitz gerade mal zwei Prozentpunkte mehr als der FCK auf.
Das mag die überraschen, die Trainer Kohfeldt als Vertreter der fußballerischen Moderne ansehen und FCK-Coach Torsten Lieberknecht der alten Schule zuordnen, wie es öfter geschieht. Tatsächlich sind die Spielideen beider Übungsleiter gar nicht so unterschiedlich. Beide wollen das Mittelfeld schnell überbrücken, lassen hoch anlaufen und suchen die frühe Balleroberung. Was andererseits mit einigem Risiko verbunden ist und mit dem Verlust von Ball- und Spielkontrolle bestraft werden kann. Wie Lieberknecht ist daher auch Kohfeldt permanent auf der Suche nach der besten Balance zwischen offensivem Druck und defensiver Sicherung - wobei er mit seinem Team gegenwärtig ein Stück weiter zu sein scheint als sein Lautrer Kollege.
Fazit: Wie hat der FCK die Heimniederlage gegen die SVE weggesteckt? Wie den erneuten Ausfall seines Torjägers Ivan Prtajin? Das sind die entscheidenden Fragen vor einer Partie, in der die Roten Teufel selbst dann nicht unbedingt Favorit wären, könnten sie in Bestbesetzung und optimaler mentaler Verfassung antreten. Es geht gegen die statistisch beste Heimmannschaft der Liga. Spielten beide Teams ihren bevorzugten Stil, wäre ein offener Schlagabtausch erster Güte zu erwarten. In den vergangenen vier Partien haben die Lilien immerhin sieben Gegentore kassiert, nur beim 2:0 gegen Nürnberg die weiße Weste behalten - ihre Abwehr ist also verwundbar.
Wir vermuten jedoch, dass Torsten Lieberknecht in der aktuellen Situation einen vorsichtigeren Ansatz wählt. Heißt: tief im Block verteidigen und nur für kurze Phasen mal hoch aufrücken. Nach seiner Roten Karte gegen die SVE fällt der lauf- und kampfstarke Leon Robinson aus. Der wäre ideal gewesen, um als Nebenmann von Sechser Fabian Kunze dem Darmstädter Akiyama zuzusetzen. Für Feintechniker Semih Sahin, den naheliegenden Kandidaten für die Achter-Position, wäre das eine nur schwer zu meisternde Aufgabe.
Vorne, schätzen wir, wird sich wieder Norman Bassette als Prtajin-Vertreter versuchen. Dass Last-Minute-Transfer Mergim Berisha direkt ein Startmandat erhält, halten wir für unwahrscheinlich, da er im vergangenen halben Jahr keinerlei Wettkampfpraxis hatte. Als Joker wie am Anfang der Rückrunde Ivan Prtajin könnte er aber kommen. Gut möglich scheint das Startelfdebüt von Winter-Neuzugang Jacob Rasmussen. Fragt sich nur, wie der Defensivblock für ihn umgebaut werden müsste. Könnte Luca Sirch vielleicht neben Kunze ins Mittelfeld rücken? Dann wäre die rechte Innenverteidiger-Position für Atanas Chernev frei, Rasmussen könnte die linke übernehmen.
Fakt ist auch: Gewinnt Darmstadt, wächst die Distanz allein auf dieses Team auf zehn Punkte an. All dieser ungünstigen Voraussetzungen zum Trotz gilt: Kopf hoch - und an den starken Auftritt auf Schalke denken, der 87 Minuten lang nahezu perfekt war. Zwei ihrer besten Auswärtspartien lieferten die Roten Teufel in dieser Saison tatsächlich gegen Teams, die zum jeweiligen Zeitpunkt als zuhause fast unbezwingbar galten: Im Januar in Gelsenkirchen (2:2 nach 2:0-Führung) und im Oktober in Karlsruhe (3:2 nach 2:0-Führung).
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