Gegner-Check
Gegner-Check S04: Die Knappen mögen's knapp

Foto: Imago Images
So lief's seit dem Hinspiel: Verrückt geht's bei Schalke 04 auch diese Saison zu, aber ganz anders verrückt als in den vergangenen Jahren. Nach der unglücklichen 0:1-Niederlage beim 1. FC Kaiserslautern am 2. Spieltag lief's für die Königsblauen besser und besser. Nach einem 3:0 in Hannover erklommen sie am 9. Spieltag zum ersten Mal die Tabellenspitze, seit Runde 15 stehen sie durchgehend oben. Mit aktuell vier Punkten Vorsprung auf Rang 2, fünf auf den undankbaren Rang 4. Der einfache Schalke-Fan ist da einfach nur happy. Nach der schwächsten Saison der Vereinsgeschichte scheint diese die beste seit Jahren zu werden. Die kritischeren Geister im Umfeld allerdings wollen von Euphorie partout nichts wissen. Immer wieder wird an der unattraktiven und angeblich simpel gestrickten Spielidee von Trainer Miron Muslic rumgemäkelt, ebenso wird die Qualität der Offensivspieler in Frage gestellt. Zuletzt hieß es sogar, die Defensive habe sich in den jüngsten Partien nicht mehr so sattelfest wie zuvor präsentiert. Dabei hat sie auch in den vergangenen vier Partien nur zwei Gegentreffer kassiert, beim 1:2 in Braunschweig zum Jahresabschluss. Und mit erst zehn Einschlägen im gesamten Saisonverlauf markiert die Schalker Abwehr einsam die Ligaspitze. Beim 0:0 gegen Hertha BSC vergangene Woche jedoch waren sich alle Beobachter einig, dass sie neben dem alles überragenden Keeper Loris Karius (32) eine tüchtige Portion Glück benötigte, um die Null bis zum Abpfiff zu halten. Auffällig: Nach ihrer Niederlage gegen den FCK verloren die Knappen ausnahmslos gegen Teams aus der unteren Tabellenhälfte: Kiel (0:1), Karlsruhe (1:2), Braunschweig (1:2). Ein erster Hinweis darauf, dass sie gegen Gegner, die eher vorsichtig agieren, mehr Schwierigkeiten haben. Im DFB-Pokal wurden sie von Tabellennachbar Darmstadt krass mit 0:4 abgewatscht. Was zeigt: Auch diese Abwehr lässt sich überwinden.
Das hat sich geändert: Eine zwischenzeitlich allseits erwartete Änderung hat sich doch nicht ergeben: Mittelstürmer Moussa Sylla (26) ist geblieben, steht weiterhin regelmäßig in der Startelf, hat aber erst viermal getroffen. Wohl, um vorne mehr Leistungsdruck zu erzeugen, hat Sportchef Frank Baumann am heutigen Donnerstag einen Transfercoup abgeschlossen, der die Liga in fast schon ungläubiges Erstaunen versetzt: Edin Dzeko (39) spielt ab sofort für Schalke. Die Älteren werden sich erinnern: Der Stürmer wurde in der Saison 2008/09 Deutscher Meister mit dem VfL Wolfsburg, erzielte in jener Spielzeit 26 Tore und wurde dennoch nicht Torschützenkönig, weil sein Sturmpartner Grafite noch besser traf. Mittlerweile aber ist Dzeko fast 40, hat beim AC Florenz in der Serie A zuletzt gar nicht mehr getroffen und sich obendrein mit einer Fußverletzung herumgequält. Es ist nicht Aufgabe dieses Gegner-Checks zu unken, aber stiftet ein solches Engagement nicht vielleicht eher Unruhe in einem Mannschaftsgefüge, dessen Stabilität bislang die große Stärke dieser Saison ist? Weniger risikobehaftet erscheint der zweite Oldie, den Baumann nun auf Schalke holte: Er lieh das Heidenheimer Urgestein Kevin Müller (24) aus, der den abgewanderten Reservekeeper Justin Heerkeren ersetzen soll. Was die Spielanlage angeht, ist Muslic seiner 3-4-2-1-Formation durchweg treu geblieben. Auch als nunmehr selbstbewusster Tabellenführer spielt sein Team am liebsten von hinten heraus und will möglichst schnell und direkt nach vorne.
Gewinner und Verlierer: In der "Kicker"-Winterrangliste ist er zwar bereits als "herausragend" eingestuft, steht aber lediglich auf Rang 3 hinter dem Bochumer Timo Horn und dem Berliner Tjark Ernst. Seit der Partie gegen Hertha vergangene Woche ist diese Reihenfolge aber kaum noch zu akzeptieren: Loris Karius ist gegenwärtig der beste Schlussmann dieser Liga, da beißt keine Maus einen Faden ab. Voll eingeschlagen haben auch die Sommertransfers Nikola Katic (29) und Hasan Kuruçay (28), die mit Mittelmann Timo Becker (28) die Dreierkette bilden. Der Schalke-Rückkehrer hatte nach erfolgreichem Start und direkter Ernennung zum Kapitän Verletzungspech, ist nun aber wieder voll dabei. Der als Talent hochgehandelte Argentinier Felipe Sánchez (21) muss sich daher mit Kurzeinsätzen begnügen. Mit Soufiane El-Faouzi (23) mutierte ein weiterer Neuzugang zum überragenden Dampfmacher im zentralen Mittelfeld. Auf der linken Außenbahn entwickelt sich Eigengewächs Vitalie Becker (20) prächtig, rechts schob sich der junge Mika Wallentowitz (18) zuletzt häufiger an Mitbewerber Adrian Gantenbein (24) vorbei. Auf den Offensivpositionen dagegen hat sich noch kein Überflieger profiliert. Talent Peter Remmert (20) haben Verletzungen zurückgeworfen, Sylla schwächelt, Christopher Antwi-Adjei (31) wurde ebenfalls zu keiner festen Größe, Christian Gomis (25) auch nicht. Bryan Lasme (27) und Emil Højlund (21) fallen wegen Verletzungen aus. Schalke lebt von den Treffern des Routiniers Kenan Karaman (31), der bereits elfmal genetzt hat, womit die Hälfte der gesamten königsblauen Torausbeute auf sein Konto geht. In Berlin durfte sogar Amin Younes (32) mal wieder ran, dessen Glanz vergangener Jahre schon lange erloschen ist. Ein anderer Ex-Lautrer auf Schalke, Janik Bachmann (29), verrichtete in der Hinrunde nur Kurzarbeit, stand zuletzt gar nicht mehr im Kader.
Zahlenspiele: Schalkes Abwehrbollwerk hat diese Saison schon zehnmal zu null gespielt. Bei ihren bislang zwölf Siegen gewannen die Königsblauen neunmal mit nur einem Tor Unterschied, fünfmal genügte ein 1:0, um dreifach zu punkten. Bei so vielen knappen Ergebnissen muss auch Glück dabei gewesen sein, das sich schnell ins Gegenteil verkehren kann, wird der eine oder andere jetzt sagen. Aber: Solche Ergebnisse können auch auf eine besondere Qualität einer Mannschaft hindeuten. Nämlich darauf, dass sie eine einmal erzielte Führung nicht mehr abgibt. In der Tat: Lediglich in Karlsruhe verloren die Knappen nach einer 1:0-Führung, alle anderen Partien wurden gewonnen, wenn sie erstmal vorne lagen. Allerdings sieht auch der FCK in diesem Ranking gut aus: Neunmal gewann er, wenn er in Führung ging, nur in Düsseldorf und gegen Nürnberg wurden noch Ausgleichstreffer kassiert. Und sonst? Schalke ist die sprintfreudigste Mannschaft der Liga, mit Lasme fehlt allerdings ihr Schnellster, mit Gomis kommt der zweitschnellste meist nur von der Bank. Im Ranking der "gewonnenen Kopfballduelle" steht der S04 auf Platz 1, Lautern auf Platz 2. Schalkes Bester in der Luft ist Katic, bei Lautern ist's Fabian Kunze. Eher ungewohnt ist, dass der FCK einem Gegner mal in punkto Passpräzision überlegen ist. Mit 77,7 Prozent überflügelt er S04 (72,5 Prozent) um über fünf Punkte. Was im Liga-Vergleich allerdings die beiden schlechtesten Werte überhaupt sind. Das aber, wie wir wissen, der auf Direktheit und Vertikalität angelegten Spielweise beider geschuldet ist. Dass die Roten Teufel mit Naatan Skyttä, Semih Sahin und Marlon Ritter nicht nur Grobmotoriker in ihren Reihen haben, sollte hinreichend bekannt sein.
Fazit: Wir haben bereits in unserer Vorab-Diskussion darauf hingewiesen: Wenn Schalke etwas hasst, dann, selbst das Spiel machen zu müssen. Von daher empfiehlt sich, sie im tiefstehenden Block zu erwarten. So, wie es die Lautrer zuletzt beim 0:0 in Bielefeld taten. Was zwar einen Punkt sicherte, aber wegen der Unattraktivität auch viel Kopfschütteln im Umfeld erntete. Und diesmal? Geht's immerhin zum Tabellenführer. Da sollten die Kritiker eigentlich gnädiger sein, wenn der Trainer die Maurerkelle rausholt. Oder sagen wir lieber: dem gesunden Pragmatismus frönt, der Torsten Lieberknecht ja irgendwie auch auszeichnet. Oder wird er bewusst überraschen und doch darauf setzen, dass seine Offensive mit 32 Treffern derzeit die zweitbeste der Liga ist - und mit Ivan Prtajin gerade ihr Fixstern zurückgekehrt ist? Prtajin könnte auch in die Startelf zurückkehren, sofern er gut durch die Trainingswoche gekommen ist - am Mittwoch wurde er als Vorsichtsmaßnahme im Abschlusspiel geschont, genauere Infos wird der FCK am Freitag bei der Pressekonferenz geben. Und sonst? Trainer Lieberknecht berichtete nach der Partie gegen 96, dass sich der ebenfalls zurückgekehrte Redondo im Training zuletzt mächtig aufgedrängt hat. Ob es schon am Sonntag zum Wiedersehen mit Edin Dzeko kommt? Vielleicht wirft Muslic ihn ja kurz vor Schluss in die Schlacht, um die Betze-Buben nochmal nervös zu machen. Möglicherweise muss sich der Altmeister dann gegen Lauterns neue Abwehrkante Atanas Chernev beweisen, der gestern in der Pfalz unterschrieben hat.
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