Neuzugang-Porträt
Vom "Koledzha" auf den Betze: Atanas Chernev im DBB-Porträt

Foto: Imago Images
Die Heimstätte von Botev Plovdiv ist nach dem Dichter und Freiheitskämpfer Christo Botev benannt. Nach seiner Erbauung im Jahr 1961 aber hieß es zunächst College-Stadion, in bulgarisch: "Koledzha". Eingefleischte Botev-Fans nennen es immer noch so.
Atanas Chernev ist in Plovdiv geboren und hat bei Botev sämtliche Jugendmannschaften durchlaufen. Drum wusste der damals 19-Jährige sofort, wer oder was gemeint ist, als er vor vier Jahren in einem Interview nach "Koledzha" gefragt wurde: "Ein heiliger Ort und ein Platz, auf dem berühmte Botev-Spieler in historischen Spielen ihre Meisterleistungen vollbracht haben. Als Kind habe ich dort Fußball gespielt, jetzt kann ich es kaum erwarten, im Koledzha zu spielen."
Das klingt, als fühle dieser junge Bulgare zu dieser Arena eine ähnlich mystische Verbindung wie gewisse Fußballfans zu einer Spielstätte auf einem bestimmten Berg in der Pfalz.
Schon mit 19 die Zukunft im Blick
Im gleichen Interview umriss der junge Mann, wie er sich seine Zukunft vorstellte: "Kurzfristig möchte ich bei Botev spielen und starke Saisons absolvieren. Danach möchte ich im Ausland spielen, wenn möglich in einer führenden Liga. Natürlich träume ich auch von der Nationalmannschaft, denn mit diesem Trikot spielt jeder Fußballer für ein ganzes Volk."
Vier Jahre später hat er dies alles geschafft: Er etablierte sich bei seinem Heimatverein als Stammspieler, schaffte den Sprung ins bulgarische Länderteam und den Schritt ins Ausland. Zurzeit steht er beim portugiesischen Erstligisten Estrela Amadora unter Vertrag, der ihn für die anstehende Rückrunde nun an den 1. FC Kaiserslautern ausleiht. Verschiedenen Medienberichten zufolge mit einer Kaufoption in Höhe von 1,2 Millionen Euro.
Wenngleich er seine geliebte Heimat nicht unbedingt aus freien Stücken verließ: Botev geriet im vergangenen Jahr in akute Finanznöte und konnte keine Spielergehälter mehr zahlen. Worauf Chernev seinen Vertrag auflöste. Und da er in Bulgarien bei keinem anderen Verein spielen will, blieb nur der Sprung ins Ausland.
Mit 15 zu schmächtig, mit 23 eine 1,95-Meter-Kante
Erstaunlich: Der heute 1,95 Meter große Abwehrriese war als 15-Jähriger körperlich noch so schwach entwickelt, dass er auf verschiedenen Positionen herumgeschoben wurde und ihm niemand eine Profikarriere zutrauen wollte. Erst danach setzte seine Entwicklung ein. "Ich habe vielleicht Talent, aber alles, was ich erreicht habe, habe ich durch harte Arbeit erreicht", beschreibt er selbst seinen Werdegang.
In der ersten Mannschaft Botevs debütierte er bereits als 18-Jähriger. Im Dezember 2020 gegen Ludogorets Razgrad durfte er direkt über 90 Minuten ran, nachdem Trainer Stefan Stoyanov mehrere Ausfälle in der Abwehr zu beklagen hatte. Im Halbjahr davor war Chernev an den FC Getafe verliehen, um in dessen U19 eine erste Auslandserfahrung in Spanien zu sammeln.
Kapitän der Reserve und der U21-Nationalelf
In der Restsaison 2020/21 kam er nur noch auf zwei weitere Kurzeinsätze. In der Spielzeit darauf wurde er hauptsächlich in der Zweiten Mannschaft eingesetzt, in der er im letzten Rundendrittel die Kapitänsbinde trug. Im Sommer 2021 hatte er bereits in Bulgariens U21-Nationalmannschaft debütiert. Für diese bestritt er insgesamt 15 Einsätze, zeitweise ebenfalls als Kapitän.
2022/23 fiel er lange wegen einer Knieverletzung aus. Danach fasste er langsam in der Ersten Mannschaft Fuß. 15 Startelf-Einsätze in der Saison 2023/24. Gegen Etar Tarnovo erzielte er sein erstes Pflichtspieltor. Hier zu sehen ab Minute 3:45:
In Spielzeit 2024/25 folgten zwölf Einsätze, drei weitere in der Meisterrunde, die Botev auf Rang 5 abschloss. Gegen Spartak Varna gelang ihm ein weiterer Treffer. Hier zu sehen ab Minute 2:32. Die Vollstreckung selbst mag nicht so spektakulär sein, interessant ist aber, wie Chernev (Nr. 79) sich davor am linken Flügel durchtankt und anschließend freiläuft:
Kurios gestalteten sich seine beiden bisherigen Auftritte in Bulgariens A-Nationalmannschaft. Gegen Spanien (0:4) und die Türkei (0:2) fabrizierte er in zwei aufeinander folgenden Partien jeweils ein Eigentor. Und die gnadenlosen Statistiker fanden heraus: Dieses zweifelhafte Kunststück ist noch keinem bulgarischen Nationalspieler jemals zuvor gelungen. Nein, diese Treffer verlinken wir hier nicht.
Ein 0:4 gegen Sporting führte zum Karriereknick
In Portugal verzeichnete er in der Hinrunde zwölf Startelf-Einsätze für Estrela Amadora. Erhielt zu Beginn auch fast durchweg gute Kritiken. Am 12. Spieltag aber holte ihn Coach João Nuno, der Ende September das Amt von José Faria übernommen hatte, schon nach 33 Minuten vom Platz. Amadora lag zu diesem Zeitpunkt gegen Sporting Lissabon schon 0:3 hinten, verlor am Ende 0:4. Nuno hatte in Chernev wohl auch einen Schwachpunkt ausgemacht.
Seither zieht der Trainer dem Bulgaren den Brasilianer Otávio vor, von dem er sich "bei Standards mehr Präsenz und mehr Aggressivität in der Luft" erwartet, wie er in einer Pressekonferenz erklärte. Das war wohl auch der Grund, weswegen der Klub nach nur einem halben Jahr einer Leihe nach Kaiserslautern zustimmte.
Kein Linksfuß, aber als linker Innenverteidiger geübt
FCK-Sportdirektor Marcel Klos sieht in Chernev einen "talentierten, kopfballstarken und aggressiven Spieler hinzu, der auch aufgrund seiner physischen Voraussetzungen eine Wucht mit sich bringt, die für unser Spiel wichtig ist." Und der nicht nur auf seiner Hauptposition als Innenverteidiger in Frage käme, sondern im gesamten Defensivverbund eingesetzt werden könne.
Mit Priorität gesucht hatten die Lautrer, das ist hinreichend bekannt, einen Linksfuß für die linke Innenverteidiger-Position in der Dreier-Abwehrkette. Diesem Profil entspricht Rechtsfuß Chernev nicht ganz. Aber er ist auch in Plovdiv schon als linker Innenverteidiger eingesetzt worden - und in Amadora fast ausschließlich, wie diese "Sofascore"-Heatmap des vergangenen Halbjahres zeigt.
Besser als Robinson? Nicht unbedingt
Abwehrspieler mit linkem Fuß sind nunmal rar, entsprechend teuer und gerade in der Winterpause schwer zu finden. Auch der zurzeit verletzte Jisoo Kim und der ebenfalls auf dieser Position eingesetzte Leon Robinson erfüllen dieses Anforderungsprofil nicht ganz, zeigten aber dennoch ansprechende Leistungen. Ob Chernev die beiden tatsächlich überflügeln kann?
Hier mal ein kleines Vergleichsranking mit dem aktuell fitten Robinson (Quelle: "Wyscout"). Zugrunde gelegt sind Daten der vergangenen Halbserie:
Wir sehen: Im statistischen Vergleich steht Robinson derzeit unterm Strich noch besser da. Chernev ist allerdings ein Jahr jünger und sicher noch entwicklungsfähig. Und dank seiner Vielseitigkeit im Abwehrverbund könnte er gegebenenfalls auch eine Option über den Sommer hinaus sein - auch dann, wenn auf der linken Innenverteidigerposition endlich die gewünschte "große Lösung" gefunden wird. Weil Abgänge einiger anderer Abwehrspieler zu erwarten sind.
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