Gegner-Check
Gegner-Check Bielefeld: Alm im Abwind? Das ist tückisch

Foto: Imago Images
Anspruch und Wirklichkeit: Die Arminia kehrte im Sommer nach einer wahrlich großartigen Spielzeit in die 2. Bundesliga zurück. Im zweiten Versuch nach dem Abstieg 2023 hatte sie den Wiederaufstieg als Drittliga-Meister geschafft, dazu erreichte sie das DFB-Pokal-Finale, indem sie auf dem Weg dorthin nacheinander die Bundesligisten Union Berlin, Freiburg, Bremen und Leverkusen eliminierte. Die Erfolge bescherten den Ostwestfalen fette Einnahmen, sorgten in allen Bereichen für wachsende Umsätze und schürten eine Euphorie im Umfeld, die auch durchs Unterhaus tragen sollte, zumal der Mannschaft keine Leistungsträger weggekauft wurden. Zum Saisonauftakt ein 5:1-Kracher zu Hause gegen Düsseldorf (wenn auch in Überzahl), danach ein 2:0-Auswärtssieg beim Bundesliga-Absteiger in Kiel - die Hoffnung schien sich zu erfüllen. Dann aber geriet der Motor ins Stottern. Ab dem 6. Spieltag hagelte es vier Niederlagen in Folge, die das Team allerdings mit einem eindrucksvollen 2:0 über den seinerzeitigen Tabellenführer Elversberg beendete. Zwei Wochen später trieben die Arminen den Karlsruher SC mit einem satten 4:0 von der Alm. Danach aber setzte es erneut drei Niederlagen in Folge. Die letzten beiden fielen jedoch sehr knapp aus: Im Westfalen-Derby gegen Münster fiel der 2:1-Siegtreffer für die Preußen erst in der Nachspielzeit, in Bochum unterlagen sie 0:1. Fakt ist jedoch auch, dass die Bielefelder in diesen Partien nur einen Treffer erzielten - und der fiel vom Elfmeterpunkt. Der Vorsprung auf die Abstiegsplätze hat sich auf vier Punkte verringert. Aufstiegstrainer Mitch Kniat allerdings bleibt ruhig, sieht lediglich "fünf bis zehn Prozent", an denen gearbeitet werden müsse; ansonsten seien die jüngsten Auftritte "ganz okay" gewesen. Aber: "Wenn diese Prozentpunkte fehlen, wird es schwer, in der Zweiten Liga Spiele zu gewinnen", verriet er dem "Kicker".
Die Neuen: Aus Hannover holte Sport-Geschäftsführer Michael Mutzel den Flügelstürmer Monju Momuluh (23). Der wurde im "Kicker" unlängst als notenbester Neuzugang der Liga gelistet. An die Niedersachsen überwies Mutzel auch die höchste Ablöse, die sein Klub in diesem Sommer locker machte; kolportiert werden rund 1,5 Millionen Euro. Die wurden per Rückkaufoption in Marius Wörl (21) investiert, der auf der linken Außenbahn und im zentralen Mittelfeld zu Hause ist. Vom VfB Stuttgart kam Flügelstürmer Benjamin Boakye (20). Mit den Linksfüßen Tim Handwerker (27), zuletzt Regensburg, und Arne Sicker (28) aus Elversberg leistete sich die Arminia zwei Abwehrkräfte mit ordentlich Zweitliga-Erfahrung. Sicker hat den Sprung in die Stammelf aber noch nicht gepackt, Handwerker wurde zwischenzeitlich von einer Muskelverletzung zurückgeworfen, ist nun aber wieder regelmäßig dabei. Dazu kamen einige Talente, die im Profi-Team noch nicht auffällig wurden. Und dann ist da natürlich noch der Mittelfeld-Techniker Marvin Mehlem (28), zuletzt Hull City, der im Sommer beinahe auf dem Betzenberg gelandet wäre, ehe es ihn dann doch auf die Alm zog. Ihn bremsten nach gutem Saisonstart Achillessehnenprobleme aus, zuletzt in Bochum aber stand er wieder in der Startelf. Unterm Strich jedoch sind Mehlems Auftritte längst nicht so überragend wie die von Naatan Skyttä, den die Lautrer holten, nachdem Mehlem absagte. Von daher dürfte ihm in der Pfalz niemand übelnehmen, dass er lieber nach Bielefeld ging.
Die Formation: Wie Kollege Thomas Stamm in Dresden bevorzugt auch Mitch Kniat seit einigen Wochen die Dreier- oder Fünferkette, nachdem er mit Vierer-Abwehrreihe in die Saison gestartet war. Zentraler Abwehrmann ist der Däne Joel Felix (27). Ihn flankieren, seit er seinen Innenband-Anriss auskuriert hat, der gebürtige Ludwigshafener Stefano Russo (25) und die variable Defensivkraft Maximilian Großer (24). Im Tor steht Jonas Kersken (25). Alles Spieler, die schon im Aufstiegsjahr dabei waren - entsprechend eingespielt ist die Hintermannschaft. Und: Felix sowie Großer haben sich auch schon als Torschützen und Vorlagengeber ausgezeichnet, also Vorsicht vor aufrückenden Abwehrspielern. Die linke Außenbahn gehört in der Regel Handwerker. Im Heimspiel gegen Münster hat Kniat dort aber Boakye gebracht, der normalerweise eine Position weiter vorne spielt. Nicht auszuschließen, dass er diese offensivere Variante auch gegen den FCK wählt. Auf der rechten Außenbahn taucht in der Regel Christopher Lannert auf. Im zentralen Mittelfeld ackert Dauerbrenner und Kapitän Mael Corboz (31) neben Mehlem. Top-Talent Wörl startet öfter mal von der Bank - vor allem, wenn Kniat sich für Boakye in der offensiveren Rolle entscheidet. Im Sturmzentrum hat Torjäger Joel Grodowski (28) mit bereits sieben Buden unter Beweis gestellt, dass er auch in Liga zwei treffen kann. Und Momuluh kommt mit viel Speed meist über die rechte Seite.
Zahlenspiele: Eine starke Defensive und eine enorme Laufintensität zeichneten den Meister der 3. Liga in der vergangenen Saison aus. Und heuer? 23 Gegentreffer bedeuten im Liga-Vergleich Mittelmaß, während Lautern mit nur 18 Einschlägen immerhin am oberen Tabellendrittel kratzt. Ihre Laufstärke haben sich die Bielefelder jedoch bewahrt. In den entsprechenden Rankings sind sie Erster bei "gelaufenen Kilometern" (FCK: 12.) und bei "intensiven Läufen" (FCK: 8.) sowie Zweiter bei "Sprints" (FCK: 8.). In der vorderen Reihe können sie mit Momuluh, Boakye und Grodowski gleich drei Spieler aufbieten, die schon mit 35 km/h und mehr geblitzt worden sind. Das sollte den Pfälzern Warnung genug sein, denn gerade übers Tempo wurden sie zuletzt in Braunschweig (0:2) sowie beim DFB-Pokal-Debakel bei Hertha BSC auseinandergenommen. Was an diesem Gegner sonst noch auffällt: Er hat bislang die meisten Strafstöße (5) und die zweitmeisten Ecken (96) herausgeholt. Im Spiel gegen den Ball attackiert er ebenso fleißig wie der FCK. Im Schnitt 5,8-mal pro Minute versuchen sie, in Duelle oder Tacklings zu gehen.
Fazit: Ein Gegner im Abwärtstrend, dessen Qualitäten in puncto Speed aber niemals unterschätzt werden dürfen - die Parallelen zu Braunschweig sind unübersehbar. Womit sich jeder weitere Kommentar eigentlich erübrigt. Der 3:1-Sieg über Dresden nach der Pokalklatsche in Berlin (1:6) sollte Torsten Lieberknecht deutlich gemacht haben: Allzu forsche Positions- und Offensiv-Experimente müssen nicht sein. Die zuletzt wieder bevorzugte 3-4-2-1-Formation ergibt für sein Team den meisten Sinn. Im Training traten am Dienstag unter anderem Naatan Skyttä, Julian Krahl und - erneut - Paul Joly kürzer. Bei allen handelte es sich aber zunächst nur um Vorsichtsmaßnahmen und normale Belastungssteuerung, es besteht also noch kein Grund zur Sorge. Ob es am Samstag doch weitere Ausfälle zu verkraften gibt, werden wir auf der Pressekonferenz am Donnerstag um 13:30 Uhr erfahren (und dann natürlich auch hier auf DBB). Auf jeden Fall fehlen wird Mika Haas, der gegen Dresden die fünfte Gelbe Karte sah. Dass er von Florian Kleinhansl ersetzt wird, ist wohl keine allzu gewagte Prophezeiung. Außer in Sachen Speed gilt es für den FCK, auch in den anderen Laufdisziplinen mitzuhalten, wie die Zahlen oben zeigen. Wenn das gelingt, ist auf der Alm was drin - und angesichts von aktuell 26 Punkten wäre die 30-Zähler-Marke bis Weihnachten durchaus zu erreichen. Was fürs neue Jahr alle Optionen nach oben offenlassen würde.
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