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Warum Großinvestoren dem Fußball schaden

Fußballthemen, welche den FCK nicht oder nicht direkt betreffen.
Jonaldinho
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Registriert: 12.07.2013, 20:28

Beitrag von Jonaldinho »

„Ein Fußballverein ist nichts anderes als ein Wirtschaftsunternehmen.“ Solche Worte können eigentlich nur aus Hoffenheim kommen. Bei Fans von Vereinen wie dem VfB Stuttgart, Borussia Dortmund oder dem 1.FC Kaiserslautern dürften solche Aussagen für Entsetzen sorgen. Warum? Weil es Traditionsmannschaften sind und sie ihre Legitimation in der Bundesliga spielen zu dürfen darin begründet sehen, dass sie schon ganz am Anfang mit dabei waren? Wohl kaum. Viel eher ist ihre emotionale Verbundenheit, ihre Liebe zum Verein der ausschlaggebende Grund, dass eine solche Aussage nur Kopfschütteln bewirkt. Ein Fußballverein ist eben kein Wirtschaftsunternehmen! Es geht um sportliche Erfolge, um Rekorde und vor allem um Emotionen. Dass Geld dabei mittlerweile eine große Rolle spielt, ist kein Geheimnis. Ein gutes Management ist unverzichtbar geworden bei den Proficlubs. Doch solange die Einnahmen vom sportlichen Erfolg abhängen, vom eigentlichen Kern der Sache, kann der Großteil der Fans mit dem Kommerz im Fußball leben. Und großteils ist dies glücklicherweise in der Bundesliga auch noch so. Sportlicher Erfolg macht die Vereine attraktiver fürs Sponsoring, TV-Gelder und Prämien werden nach der Platzierung ausgeschüttet, ebenso werden Erfolge in Champions- und Europa-League reich belohnt. So bewegen sich im Grunde genommen alle Vereine auf einem einzigen Markt. Und der heißt Ligatabelle!

Doch blenden wir das alles einmal aus. Tun wir einfach so, als wäre der Fußball wirklich nichts anderes, als eine Branche in der Wirtschaft. Argumentieren wir also ganz auf hoffenheimsche Art mit dem erwerbswirtschaftlichen Prinzip: Gewinnmaximierung. Hier wird es ziemlich schnell schwierig. Betrachten wir beispielsweise das Vorzeigeobjekt der Bundesliga, den FC Bayern München. Dessen Return on Investment (ROI=Jahresüberschuss/Gesamtkapital) hatte im Jahr 2011 einen lächerlichen Wert von 0,355%. Die Zinsen sind zurzeit bekanntlich zwar ziemlich niedrig. Aber wenn ich 360 Millionen Euro langfristig anlegen möchte bin ich ziemlich sicher, eine deutlich bessere Verzinsung zu bekommen! Nun hat beispielsweise Dietmar Hopp natürlich nicht in den FC Bayern München investiert. Wie sieht es also bei der TSG 1899 Hoffenheim aus? Betrachten wir doch einmal den Gewinn aus ihrer gewöhnlichen Geschäftstätigkeit in den letzten Jahren, dazu gibt es schließlich den Bundesanzeiger: 2007/2008 steht ein Verlust von 18.327.428€ zu Buche, 2008/2009 beträgt der Verlust 16.529.510€, 2009/2010 sogar 29.433.087€ und 2010/2011 18.540.409€. Zum Vergleich: Bremen hatte im gleichen Zeitraum einen Gewinn der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit in Höhe von knapp 30 Millionen € zu verzeichnen, Dortmund einen Gewinn von gut 50 Millionen €, der FC Bayern 22 Millionen €, Eintracht Frankfurt einen Verlust von gut knapp 3,3 Millionen €, Hannover 96 einen Verlust von knapp 8,6 Millionen €. Bei Hoffenheim hingegen addiert sich der Verlust auf satte 76,3 Millionen €. Ein hochinteressant anmutendes Wirtschaftsunternehmen. Und kein besonders erfolgreiches. Welcher Hoffenheimer nun noch immer seinen Verein als Wirtschaftsunternehmen bezeichnen möchte, soll dies gerne tun.

Fußball scheint also doch noch einiges mit Sport und Wettkampf zu tun zu haben und nicht nur vom Geld getrieben zu sein. Retortenklubs wie Hoffenheim, Wolfsburg oder Leverkusen mögen zwar auf dem Platz sportlich gute Leistungen bringen und damit auch teils sehenswerte Platzierungen erreichen, erobert wurden diese Sphären aber auf grob unsportliche Art und Weise. Dort kommen wir schon zum nächsten Problem: Stellen wir uns einmal vor, die Bundesliga bestünde nur noch aus 18 Retortenklubs. Dann hätte die Liga einen Zuschauerschnitt von geschätzt knapp über 20.000 Zuschauern. Die Attraktivität des Fußballs wäre zerstört, TV-Lizenzen würden immens an Wert verlieren und das „Wirtschaftsunternehmen“ Hoffenheim würde noch größere Verluste machen. Denn heute profitiert es ja immerhin noch von seinen Platzierungen und kassiert dafür einiges an TV-Geldern, auch wenn man selber verhältnismäßig wenig zur Attraktivität der TV-Lizenzen beiträgt. Wer Zahlen haben möchte: Der Zuschauerschnitt der Saison 2012/2013 von unten: Letzter ist dort Fürth mit 16.843 Zuschauern. Nun gut, die Stadionkapazität beträgt eben nur 18.000 Zuschauer und sie legten eine historisch schlechte Bundesligasaison hin ohne einen einzigen Heimsieg. Vorletzter der SC Freiburg mit 23.276 Zuschauern im Schnitt. Also so gut wie immer ausverkauft bei einer Stadionkapazität von 24.000 Zuschauern. Ein Stadionneubau steht dazu bereits im Raum. Auf Platz 16 dann bereits Hoffenheim mit 26.162 Zuschauern, hinter Wolfsburg mit 26.627 Zuschauern und, welch Überraschung, Bayer Leverkusen mit 28.120 Zuschauern im Schnitt. Zum Vergleich: Hertha und Köln kamen im gleichen Jahr in der 2.Liga auf einen Zuschauerschnitt von über 40.000 Zuschauern, der FCK auf 31.758. Natürlich sind Zuschauerzahlen kein geeignetes Kriterium, um sportlichen Erfolg zu messen oder eine Ligazugehörigkeit zu legitimieren. Wenn aber Retortenklubs von der Gesamtstruktur Bundesliga profitieren, indem sie nicht unerhebliche Gelder aus TV-Lizenzen einstreichen, selber aber die Attraktivität der Liga und somit den Wert der TV-Lizenzen schmälern, gehören sie dafür auch finanziell bestraft.

Ein weiteres Problem stellt die Gehaltsstruktur in vielen Retortenklubs dar. In der Saison 2010/2011 beispielsweise zahlte die TSG 1899 Hoffenheim insgesamt 42,0 Mio. € an Löhnen und Gehältern. Vergleichbar ambitionierte Vereine wie Eintracht Frankfurt und Hannover 96 kamen im selben Zeitraum lediglich auf 27,6 bzw. 24,8 Mio. €. Man versucht offensichtlich, den mangelnden Reiz den der Verein selbst auf Spieler auszulösen scheint durch überhöhte Gehälter auszugleichen. Durch Geld, das nicht aufgrund von sportlichem Erfolg, sondern durch Investoren in den Verein geflossen ist. Dadurch müssen jedoch auch alle Vereine, die sich lediglich über erfolgsbezogene Einnahmen finanzieren, höhere Löhne zahlen wenn sie ihre Talente halten wollen. Darunter leidet die gesamte Liga, da diesen erhöhten Ausgaben keinerlei Gegenleistung beispielsweise in Form einer gestiegenen Attraktivität der Liga gegenübersteht.

Die ganze Problematik scheint selbst Dietmar Hopp verstanden zu haben. Im Audi Star Talk sagte er über der von Martin Kind angeregten Debatte über die Abschaffung der 50+1 Regel:

„Wenn der Martin Kind gewinnen sollte, dann wird es Investoren geben in Deutschland, wie es sie in anderen Ländern auch gibt. Ob das gut ist wage ich zu bezweifeln. Ich bin ja völlig eine andere Kategorie als Abramowitsch. Gut, Abramowitsch hat viel, viel mehr Geld als ich, das meine ich aber nicht. Ich habe in Hoffenheim Fußball gespielt, ich verbinde mit dieser Geschichte Bundesliga eine ganz, ganz breite Jugendförderung, darauf kommt es mir an und der Abramowitsch, ich schätze ihn, denn er macht auch sehr viel soziales in seiner Heimat, das wird oft vergessen, aber dessen Ziel ist halt er will die Champions League gewinnen, zumindest habe ich das gelesen.“

Dietmar Hopp ist also der Ansicht, er schade im Gegensatz zu Abramowitsch nicht dem Fußball weil er auf eine ganz, ganz breite Jugendförderung setzt und es Abramowitsch nur um den „sportlichen“ Erfolg geht. Wie passt diese Aussage in das Gesamtbild der TSG 1899 Hoffenheim? Braucht man überhaupt zwingend Bundesligafußball um eine gute Jugendförderung betreiben zu können? Der TSV 1860 hat beispielsweise in seiner Zweitligazeit Talente wie Kevin Volland, Peniel Mlapa oder die Nationalspieler Lars und Sven Bender hervorgebracht. Warum also musste Hoffenheim mit einem Gesamtetat durch die zweite Liga marschieren, der höher war als die Etats aller anderen Zweitligisten zusammen? Was hat das mit breiter Jugendförderung zu tun? Nehmen wir einmal an, man braucht wirklich Erstligafußball für eine gute Jugendarbeit, beispielsweise um die Jugendlichen stärker zu motivieren, in die erste Mannschaft zu gelangen. Was hatte die Hoffenheimer Jugendarbeit also bisher zu bieten? Die erfolgreichsten echten Eigengewächse sind Pascal Groß und Manuel Gulde. Großzügig betrachtet könnte man auch Marc Terrazzino und Sead Kolasinac dazuzählen. Das sind alles keine untalentierte Jungs, aber dafür dass man sich ganz, ganz breite Jugendförderung auf die Fahne geschrieben hat, doch irgendwie ziemlich wenig. Zumal heute keiner von ihnen mehr bei Hoffenheim spielt, oder nennenswert Gelegenheit hatte, sich in der ersten Hoffenheimer Mannschaft zu präsentieren. Wie sieht die Situation bei anderen Vereinen aus? Eintracht Frankfurt brachte im gleichen Zeitraum Sonny Kittel, Sebastian Jung, Jan Kirchhoff und Nicolai Müller hervor, Hannover 96 Konstantin Rausch, Jan Rosenthal und Christopher Avevor, aus der Bremer Jugend stammen unter anderem Sebastian Mielitz, Niclas Füllkrug, Dennis Diekmeier oder Phillipp Bargfrede, Dortmund brachte Talente wie Kevin Großkreutz, Mario Götze, Julian Koch, Marcel Schmelzer oder Tolgay Arslan hervor. Viele von diesen Spielern durften auch viele Spiele in der ersten Mannschaft absolvieren oder konnten sich dort sogar etablieren und spielen dort noch immer. In Hoffenheim hingegen sucht man nach solchen Beispielen bisher vergeblich! Auch Transfers von Spielern wie Tim Wiese, Heurelho Gomes, Chris, Mathieu Delpierre oder Igor de Camargo tragen nicht gerade zu einem Jugendförderungsimage bei. Einige ambitionierte Aussagen vor der Saison 2012/2013 ließen viel eher vermuten, dass es in Hoffenheim doch auch eher um das Erreichen der Champions-League geht als um ganz, ganz breite Jugendförderung. Der Unterschied zu Abramowitsch ist also wohl doch gar nicht so groß.

Doch nach der katastrophalen letzten Saison will man sich in Hoffenheim nun wieder auf die Wurzeln konzentrieren. Fraglich bleibt, was diese Wurzeln sein sollen. Ganz breite Jugendförderung scheint es jedenfalls eher nicht zu sein. Denn im aktuellen 36-köpfigen Kader (Stand: 12.07.13; Quelle transfermarkt.de) steht ein ganzer (echter) Jugendspielder der TSG 1899 Hoffenheim: Robin Szarka. Hinzu kommen weitere 5 junge Spieler (P.Schorr, J.Toljan, N.Süle, J.-C.Gyau, K.Karaman) aus der eigenen Jugend, die ursprünglich allerdings aus der Jugend anderer Vereine stammen. Klingt doch gar nicht so schlecht? Diese 6 Spieler haben zusammen gerade einmal 155 Bundesligaminuten für Hoffenheim absolvieren dürfen und im Schnitt noch stolze 1,2 Jahre Vertrag. Zum Vergleich: Beim FCK beispielsweise haben alleine in der letzten Saison die Jugendspieler D.Heintz, W.Orban, H.Zuck und S.Zellner den Durchbruch geschafft und kamen zusammen auf 4998 Ligaminuten. Daneben stehen mit M.Müller und J.-M. Derstroff noch zwei weitere echte Jugendspieler des FCK im Kader und selbst letzterer durfte in der letzten Saison mit 156 Minuten länger für den FCK auflaufen als alle aktuell im Kader der Hoffenheimer stehenden Jugendspieler zusammen jemals für die TSG auflaufen durften. Selbstverständlich müssen Vereine nicht gezwungenermaßen in jeder Saison auf diese Art und Weise auf ihre Jugend setzen. Doch wenn man sich selber besser als andere redet, weil man sich angeblich auf ganz breite Jugendförderung setzt, sollte man zumindest in der Lage sein, dem ein oder anderen Jugendspieler vernünftige Einsatzzeiten zu bieten. Dies hat Hoffenheim in 5 Jahren Bundesliga bisher kein einziges Mal geschafft!

Über diese Fakten sollte sich jeder, der den Fußball liebt einmal Gedanken machen! Wie viele solcher Retortenklubs verträgt die Liga noch? Denn der nächste deutet sich bereits an: RB Leipzig hat den Aufstieg in die 3.Liga geschafft. Ganz ohne Geld und mit breiter Jugendförderung versteht sich!
Flasher1986
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Beitrag von Flasher1986 »

Sehr schöner und wahrer Text. Allerdings weiß dass mittlerweile jeder und es ändert ja doch nix. Aber trotzdem Respekt!
"Aber ich hätte sogar Geld gezahlt, um in Kaiserslautern spielen zu dürfen." (Horst Eckel)
daachdieb
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Beitrag von daachdieb »

So lange sich zB Hoffenheim hinstellen kann und sagen: "Was wir tun ist alles im Rahmen der Legalität und Statuten" kann und wird sich nichts ändern. Die Anhänger der Freien Marktwirtschaft (TM) werden den Fußball auf kurz oder lang ruinieren.
Man muß den Rahmen ändern und nicht an den Symptomen herumdoktern.

Vgl. auch The fight against corruption in football should start at the top
Oderint, dum metuant
fck-jetzt.de
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