Mit Schlagstock gegen SteinewerferLetzte Woche habe ich gebloggt, dass wir eine gesellschaftliche und politische Diskussion über Polizeigewalt brauchen. Die Reaktionen in den Kommentaren waren kontrovers.
Heute schreibt Joachim Kersten in der SZ “Außenansicht” (S. 2) unter dem Titel “Schläge im Namen des Gesetzes” über Gewalttäter in Uniform und beklagt das Fehlen einer Fehlerkultur bei der Polizei. Diese Stimme dürfte Gewicht haben, denn Kersten lehrt an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster. ...]
Falsch verstandener KorpsgeistZwei Polizisten nahmen einen Steinewerfer gewaltsam fest. Nachdem ein Video im Prozess gegen Jugendpfarrer Lothar König die Szene zeigte, wird nun gegen sie ermittelt.
"Und plötzlich schlugen sie zu!"Nur weil ein Land entsprechende Grundsätze in der Verfassung niedergelegt hat und kluge, vernünftige Gesetze einen stabilen Rahmen bilden, ist es noch lange kein Rechtsstaat. Hinzukommen muss, dass die staatlichen Organe diese Vorschriften auch mit Leben erfüllen und in einem rechtsstaatlichen Geist handeln.
Das gilt insbesondere für die Polizei, die gewissermaßen der Inbegriff des staatlichen Gewaltmonopols ist. Eine Polizei, die nicht korrupt, nicht rassistisch, nicht sexistisch und nicht brutal ist, ist ein immens hohes Gut für eine Demokratie. Ja, sie ist, neben einer unabhängigen Justiz, geradezu die Voraussetzung, dass der Rechtsstaat überhaupt funktionieren kann.
Prügelnder Ex-Polizeichef beschäftigt erneut JustizErst kürzlich wieder ermittelte eine Studie der Universität Leipzig, wie erschreckend hoch ausländerfeindliche Einstellungen in der deutschen Bevölkerung sind (...). Dass rechte bzw. ausländerfeindliche Haltungen aber auch bei der deutschen Polizei verbreitet sind, steht kaum im Fokus, dabei häufen sich die Fälle von Rassismus und offenbar rassistisch motivierter Gewalt durch Polizeibeamte. Zu Verurteilungen kommt es nur selten
Mildere Strafe für prügelnden PolizistenEr wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil er auf der Wache einen Jugendlichen schlug: Nun beschäftigt der ehemalige Polizeichef von Rosenheim erneut die Justiz. Diesmal geht es um einen Konflikt mit einem Radfahrer.
Führungsfehler und falscher KorpsgeistEs klingt erstmal kurios: Weil der Polizeichef von Rosenheim einen Jugendlichen auf der Wache verprügelt und getreten hat und dafür zu einer Freiheitsstrafe von elf Monaten auf Bewährung verurteilt wurde, muss nun auch ein Nürnberger Polizist nicht ins Gefängnis. Der 28-jährige Beamte versetzte im Dezember 2011 einem gefesselten Mann zwei Faustschläge ins Gesicht und wurde dafür zunächst zu einem Jahr und sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt.
In zweiter Instanz milderte das Landgericht Nürnberg nun das Urteil am Montag ab: Elf Monate auf Bewährung, lautet es nun. "Sie dürfen nicht das abbekommen, was andere, die vielleicht noch schlimmer waren, nicht abbekommen", begründete Richter Dieter Seyb das Urteil unter anderem mit dem Verweis auf den Fall in Rosenheim.
darfs noch ein bißchen mehr sein?Schon vor drei Jahren beklagte Amnesty International (AI) in einem Bericht, dass in Deutschland immer wieder Unschuldige zu Schaden kommen, Beamte aber selten zur Rechenschaft gezogen werden. "Wir bei Amnesty erleben, dass viele Bürger sich an uns wenden, weil sie keine Ansprechstelle kennen, zu der sie Vertrauen haben", sagt Alexander Bosch, der Fälle für AI dokumentiert. "Sie könnten bei der Polizei Anzeige gegen die Polizei erstatten. Aber da besteht sogar die oft berechtigte Sorge, dass man erst recht ins Visier von Ermittlungen gerät." Er berichtet, dass manche Gruppen, etwa Fußballfans, sich ohnmächtig fühlen, als wären sie Freiwild.
Wo ist unsere Lobby?wkv hat geschrieben:Ich finde es erschreckend, dass es keinen interessiert hat, solange es Fußballfans anging
Ich verfolge das Thema seit Jahren.wkv hat geschrieben:und jetzt auf einmal die richtigen Forderungen kommen.
Streng genommen ist es der zweite Versuch, nachdem die Stuttgart 21-Gegner erfolgreich zu "Wutbürgern" runtergeschrieben wurden.wkv hat geschrieben:Nein, das ist mein Beitrag von "Lesen-zu-Kommentar".
Ich finde es erschreckend, dass es keinen interessiert hat, solange es Fußballfans anging, und jetzt auf einmal die richtigen Forderungen kommen.
Na so was, ich dachte genau DAS ist die Taktik - Amtshilfe quasi.... die Pfefferspray- und Schlagstock-Einsätze, bei denen in den folgenden Stunden nach neuen Angaben der Demo-Sanitäter fast 300 Menschen verletzt wurden, gingen oft nicht von Frankfurter Beamten aus, wie Videos etwa im Onlineportal YouTube belegen. Vor allem Beamte aus Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Sachsen sind auf den Bildern zu erkennen. „Die kamen, haben zugeschlagen und sind wieder heimgefahren – und wir haben jetzt den Ärger“, sagte ein anderer BFE-Beamter der FR.
Ich weis sogar was die Beamten im Bus nach hause gesungen haben:daachdieb hat geschrieben:die FR hat noch mal nachgelegt:
Blockupy-Demonstration - Polizisten kritisieren KollegenNa so was, ich dachte genau DAS ist die Taktik - Amtshilfe quasi.... die Pfefferspray- und Schlagstock-Einsätze, bei denen in den folgenden Stunden nach neuen Angaben der Demo-Sanitäter fast 300 Menschen verletzt wurden, gingen oft nicht von Frankfurter Beamten aus, wie Videos etwa im Onlineportal YouTube belegen. Vor allem Beamte aus Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Sachsen sind auf den Bildern zu erkennen. „Die kamen, haben zugeschlagen und sind wieder heimgefahren – und wir haben jetzt den Ärger“, sagte ein anderer BFE-Beamter der FR.
Ein Auslöser...das wäre dann wohl der erste Tote durch Schlagstock-Einsatz...ich wünsche es mir nicht.satisfactory hat geschrieben:Werft mal ein Blick in Länder wie Spanien, Frankreich oder aus persönlichen Erfahrungen Mazedonien. Dagegen ist die Exekutive in Deutschland ein Witz!
Nichtsdestotrotz wird zumindest seitens der Medien genauer hingeschaut. Fehlt nur noch ein Auslöser für die Welle der Empörung, welche durch die Gutmenschenbevölkerung schwappt.
Schmidbauer neuer Landespolizeipräsident: Fatales SignalScrooge McDuck hat geschrieben:Die "Süddeutsche" legt schon seit einiger Zeit den Finger in die Wunde im Falle einer jungen Münchnerin. Teresa Z. wird für die Münchner Polizei immer mehr zum Problem, weil der Fall mal wieder die mechanismen im deutschen Polizeialltag schonungslos aufzeigt.
Katastrophale Krisenmanagement im Fall Teresa Z, eine äußerst unglückliche Figur im Fall Gaddafi: Als Politiker wäre Werner Schmidbauer irreparabel beschädigt. Als Beamter steigt der Münchner Polizeichef weiter auf und wird Landspolizeipräsident.
Stimmt!satisfactory hat geschrieben:Werft mal ein Blick in Länder wie Spanien, Frankreich oder aus persönlichen Erfahrungen Mazedonien. Dagegen ist die Exekutive in Deutschland ein Witz!
„Experten sind sich einig, dass die Ultras das größte Problem des Fußballs in den kommenden Jahren sein werden“, schrieb Alfred Draxler von der Bild-Chefredaktion im November 2011 – wenige Tage nach dem DFB-Pokalspiel Borussia Dortmund gegen Dynamo Dresden, das kurz vor dem Abbruch gestanden hatte.
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Istanbul, Taksimplatz. Die „Çarsi“, die Ultras des Stadtteilklubs Beşiktaş, wurden während der Proteste gegen die Regierung Erdogan zu Volkshelden. Sie schützen die Demonstranten vor den Sonderkommandos, durchbrachen Polizeiketten und ermutigten andere zum zivilen Ungehorsam. Sie reihten sich nahtlos in die Bürgerbewegung ein.
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Fußball war und ist politisch, in Brasilien wurde es sichtbar. Hunderttausende protestieren im Jahr vor der WM 2014 gegen überteuerte Stadien. In Ägypten zählten die Ultras des Kairoer Hauptstadtklubs al-Ahly zu den Hauptakteuren des Arabischen Frühlings bis zum Sturz des Mubarak-Regimes.
Und bei uns? Ultras gibt es hier auch. Wirklich die Bösen, wie der Bild-Mann meint? Die, die sich nur für ihren Verein interessieren, die gegen den kommerzorientierten Fußball sind und gern auch mal Steine schmeißen?
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Der Fanforscher und Politologe Jonas Gabler von der Uni Hannover stufte 2010 die Ultras hierzulande als jugendliche Protestbewegung ein, die sich für den Schutz der Freiheits- und Bürgerrechte und gegen die Ökonomisierung aller Lebensbereiche starkmacht. Heute erkennt Gabler bei den Ultras ein „enormes Potenzial für eine ernstzunehmende Politisierung“. Bisher fehle dafür ein starker „gesellschaftlicher Impuls, wie er in Ägypten oder in Istanbul gegeben war“. Auffällig sei aber, dass gerade „junge Ultras sozial sensible Menschen sind, die auch in dementsprechenden Berufen arbeiten“.
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„Protestkultur wird in unserer überregulierten Bundesrepublik kriminalisiert“, sagt Matthias Stein aus Jena von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte. Er meint die Reduzierung der Ultras auf deren Gewaltpotenzial. Manchmal fliegen Steine, kommt es zu Schlägereien, aber: „Die Gewaltprobleme im Fußball sind eine Phantomdiskussion“, sagt Stein.
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In Jena, erzählt er, haben sich Ultras erfolgreich mit mehreren Initiativen gegen das von nationalistischen Gruppen ausgerichtete „Fest der Völker“ gewandt. „Wenn ich mich im Alltag gegen rechts wende, gilt das als Zivilcourage, im Stadion ist man sehr schnell beim Landfriedensbruch“, sagt er. Werden Ultras von rechten Fans angegriffen oder bedroht, unterscheidet die Polizei oft nicht zwischen den Gruppen.
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„Auch wenn sich die Reflexe klar gegen Polizeiwillkür, Sicherheitswahn und Kommerz im Fußball richten, vertreten Ultras politische Positionen im gesellschaftlichen Kontext“, sagt Jörg Rodenbüsch vom Fanprojekt in Saarbrücken. „Es ist kaum etwas mehr politisiert als der Sport.“
Zumal der Polizei die Spieltage auch als Experimentierfeld für den Umgang mit zivilen Protesten wie bei den Blockupy-Demonstrationen oder dem Widerstand gegen den Bahnhofsneubau Stuttgart 21 dienen dürften. Die Bundesliga startet am 9. August in die neue Saison. Die Ultras werden da sein.