Dieser Artikel der FRANKFURTER RUNDSCHAU dürfte so manche Illusion platzen lassen......
Die Zeit der Gaukler ist vorbei
Das Fest ist aus, es bleibt nichts mehr: ein trostloses Fazit ein knappes halbes Jahr nach dem Weltmeisterschafts-Endspiel von Soccer City in Südafrika
Von Johannes Dieterich
Besser hätte Lindi Maseko gar nicht stationiert sein können. Der klapprige Wohnwagen der 48-jährige Soweterin steht nur wenige hundert Meter vom größten Stadion des afrikanischen Kontinents entfernt auf einem Parkplatz: Hier brät die Mutter von drei Kindern schon seit fünf Jahren auf einem Gaskocher Rindfleischfetzen und rührt Maisbrei in einem Aluminiumtopf an. Keine andere von der allmächtigen Fifa nicht akkreditierte Kleinunternehmerin war dem Epizentrum des südafrikanischen Fußballbebens bei dessen Ausbruch vor sechs Monaten näher: Und doch ist die Garköchin von den Folgen des vor ihrem Caravan vorbeigefegten Jahrhundertereignisses bitter enttäuscht. Eigentlich habe sie von dem während der WM erwarteten Geldsegen ein Restaurant in Soweto eröffnen wollen, sagt Lindi: "Was ich tatsächlich eingenommen habe, reicht nicht einmal für einen neuen Kocher."
Am Ende des Jahres ist die Garköchin wieder dort, wo sie am Anfang war
Warum die Wirklichkeit dermaßen weit hinter ihren Träumen zurückblieb, weiß auch Lindi nicht so genau zu sagen. Vielleicht waren es die bloßen acht Spieltage im Soccer City Stadion oder die Konkurrenz der McDonald-Bruzzler, die ihre Burger direkt in der Super-Arena an die Fans bringen konnten. Jedenfalls sieht sich die Feldköchin am Ende des legendären Jahres wieder dort angelangt, wo sie an dessen Anfang war: Sie bedient die Fahrlehrer mit "Papp and Vleis", die ihren Schülern auf dem gähnend leeren Parkplatz das Einparken beibringen und davon offensichtlich hungrig werden. "Aber versteh' mich nicht falsch", fügt Lindi hinzu: "Toll war die Weltmeisterschaft trotzdem."
Kaum ein Südafrikaner, der den vierwöchigen Mega-Event nicht in vollen Zügen genossen hätte: Ein Highlight in der Geschichte der von Glanzpunkten wenig verwöhnten Nation, das höchstens mit der Freilassung Nelson Mandelas vor 20 Jahren zu vergleichen war. Schon kurz nach dem finalen Feuerwerk, das Lindi von ihrem Caravan aus mitverfolgen konnte, wurden Lobeshymnen angestimmt: Fifa-Chef Sepp Blatter sprach den Veranstaltern "neun von zehn Punkte" zu, Südafrikas Präsident Jacob Zuma sah gar die ganze Welt von einer "neuen Ära des Afrika-Optimismus" erfasst. Von den notorischen Nörglern, die Staus, afrikanisches Chaos und Totschlag vorhergesagt hatten, war nichts mehr zu hören: Südafrikas Wintermärchen war perfekt.
Doch der "Feel-Good-Factor" hielt nicht lange an. Schon wenige Wochen nach dem Abpfiff war das harmonische Eine-Nation-Gefühl wieder zerstoben, als ein für manche Krankenhauspatienten tödlicher Streik des öffentlichen Dienstes die Flitterwochen jäh beendete, und sich die Zuma-Regierung einmal mehr überfordert zeigte. Schon zuvor hatte sich bleichgesichtige Landeskinder schnell wieder ihren Lieblingssportarten Rugby oder Cricket zugewandt: Die "Bafana"-Kicker vermochten die geteilte Nation nicht lange hinter sich zu halten.
Auch wirtschaftlich hielt das Turnier nicht, was es versprochen hatte: Nach einer Umfrage des Beratungsinstituts KPMG profitierten nur 22 Prozent seiner Topklienten von dem Großereignis, ein Jahr zuvor hatte noch jeder zweite Unternehmenschef optimistisch mit deutlichen Umsatzgewinnen gerechnet. Während Südafrikas Bruttosozialprodukt im ersten Quartal dieses Jahres noch um 4,6 Prozent wuchs, waren es während und nach der WM bloß noch 3,2 beziehungsweise 2,6 Prozent. Erst vor wenigen Tagen legte das Tourismusministerium endgültige Zahlen über die angereisten Fußballfans vor: Mit knapp mehr als 300 000 Gästen aus aller Welt fiel deren Zahl deutlich geringer aus als die zunächst erwartete halbe Million.
Insgesamt sollen die WM-Besucher umgerechnet 400 Millionen Euro ausgegeben haben: Auch das ein Klacks im Vergleich zu den fünf Milliarden Euro, die das Turnier die südafrikanischen Steuerzahler kostete. Tourismusminister Marthinus von Schalkwyk versicherte, der Nutzen des Image-Boosters werde sich noch in den kommenden Jahrzehnten in Form höherer Besucherzahlen niederschlagen.
Zweifellos kommen den Kapbewohnern die Milliarden zugute, die die Regierung in den Ausbau der Infrastruktur pumpte: Vom in Kapstadt und Johannesburg eingeführten Schnellbus-System bis zur Schnellbahntrasse zwischen Johannesburg zum Flughafen und nach Pretoria werden die Südafrikaner tatsächlich noch in Jahrzehnten profitieren. Umstrittener ist dagegen der zweitgrößte Budget-Vernichtungsposten: der Bau und die Generalüberholung der zehn Stadien, die zusammen mehr als zwei Milliarden Euro verschlangen. Vor allem das Kapstädter Greenpoint-Stadion, das allein auf Drängen Blatters zustande kam, gilt nach seinen sechs WM-Einsätzen bereits als nutzloser "weißer Elefant". Das französisch-südafrikanisches Unternehmen Sail Stadefrance, das die Arena 30 Jahre lang betreiben wollte, hat sich inzwischen wieder zurückgezogen: Jährliche Unterhaltskosten von vier Millionen Euro waren den Betreibern zu teuer - vor allem nachdem der finanzstarke Western Cape Rugby Club keinerlei Interesse an der Arena zeigte.
Das Versprechen des WM-Organisationschefs Danny Jordaan, die neu gebauten Fußballarenen würden selbstverständlich auch von Rugby- oder Cricket-Clubs verwendet werden, hat sich als trügerisch erwiesen. Auch die Durbaner "Sharks" wollen von dem neuerrichteten Stadion mit Henkel am Indischen Ozean nichts wissen: Dort seien zu wenig lukrative Logenplätze eingebaut worden, wenden die Haie ein und verharren in ihrem alten Kings Park Stadion. Auch die Cricketverbände winken reihenweise ab. Selbst für die Fußballverbände erweisen sich die neuen Spielstätten eher als Betonklötze denn als Beflügler: Wegen der höheren Unterhaltskosten haben die Verbände ihre Eintrittspreise in dieser Saison verdoppelt - woraufhin die ohnehin dürftigen Zuschauerzahlen noch weiter zurück gegangen sind.
Vielleicht war es das schlechte Gewissen, das Sepp Blatter peinigte: Jedenfalls reiste der Fifa-Chef Mitte Dezember noch einmal nach Johannesburg, um den Organisatoren der ersten afrikanischen WM einen Scheck zu überreichen. Offensichtlich tat es den Fifa-Verantwortlichen nicht weh, weitere 60 Millionen Euro von ihren während dieser WM eingefahrenen Gewinnen in bisher nicht genannter Höhe abzuzweigen: Damit soll ein der südafrikanischen Fußballjugend zugutekommender Trust eingerichtet werden.
Die ANC-Jugend lässt sichcvon Blatters Gesten nicht beeindrucken
"Die Fifa ist kein Zirkus, der sein Zelt nach der Vorführung abbaut und weiter zieht", erklärte Blatter. "Wir werden vielmehr ein bleibendes Vermächtnis hinterlassen." Julius Malema, populistischer Obersprecher der ANC-Jugend, ließ sich von solchen Gesten indessen nicht beeindrucken: Für ihn war die WM ein "Akt des Imperialismus", mit dem Zweck, "die Ressourcen unseres Landes auszubeuten".
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"Wir waren es, die die WM ermöglicht haben", sagt ein Gewerkschaftsmitglieder, der das Soccer-City-Stadion vor Lindis Imbisswagen mit errichtet hatte: "Und was haben wir davon? Jetzt sind wir arbeitslos."
Frankfurter Rundschau, Printausgabe v. 27.12.2010, Autor Johannes Dieterich
