pisano96 hat geschrieben: 09.02.2026, 23:02
Nur bei Markus Anfang wurde nach heutiger Wahrnehmung gefühlsmäßig “Tikitaka” gespielt.
Von seinen letzten 11 Spielen gingen aber trotzdem 8 verloren, ...
Na, da solltest Du vielleicht noch einmal etwas genauer nachschauen...
Die Diskussion kommt immer wieder auf, weil die Anfang-Entlassung für viele Leute hier (mich inklusive) ziemlich sinnbefreit war. Und natürlich ist das jetzt noch einmal etwas spezieller da, weil weder ein 0:2 in Braunschweig, ein ähnlicher Punkteschnitt wie im letzten Frühjahr (der echte, nicht Deiner oben) noch ein Abreißen nach oben dieses Jahr ähnliche Konsequenzen für die aktuellen Verantwortlichen zu haben scheint.
Ich halte das aber trotzdem nicht für produktiv. Ich glaube ehrlich gesagt auch nicht dass es Sinn macht das so zu vergleichen. Es wird andere Gründe geben warum Lieberknecht (zumindest etwas) mehr Kredit hat, vielleicht war es auch ein bisschen die Situation und eine (mit Ansage falsche) Kopf-durch-Wand-Entscheidung. Das Problem ist eher der Kommunikation geschuldet – alle die die damaligen Begründungen ernst genommen haben können halt jetzt schon einmal mit dem Kopf schütteln. Das ist aber wie gesagt alles für die Katz. Anfang ist Vergangenheit.
Im Moment zählt einfach nur, dass wir aus dem Mist den wir mit wenigen kleineren Ausschlägen nach oben seit November immer wieder fabrizieren rauskommen. Das Dilemma ist dass a) sehr viele gegnerische Coaches auf die Konstante hinter allen Lieberknechtschen Aufstellungen (verkürzt: Manndeckung über den ganzen Platz, Überfalltatktik) gute Antworten haben und dankbar sind dass wir da kaum Alternativen zeigen sowie b) dieser Ansatz die Mannschaft bereits zum Ende der Hinrunde verschlissen hatte ("Belastungssteuerung") und wir aktuell sogar noch die fitte Version dessen sehen was im März oder April dann auch schnell mal richtig implodiert (die Hintergründe hat @Lautern-Fahne für alle die nicht regelmäßig spieltaktische Theorie kauen sehr schön hier im Taktik-Thread zusammengefasst). Auf der anderen Seite ist die einzige Alternative strukturierter anzutreten die Lieberknecht theoretisch und praktisch in den letzten 3,5 Monaten aufgezeigt hat das Agieren aus dem tiefen Block (s. Auswärtsspiel Bielefeld). Letzteres ist aber, zumindest von den Wahrscheinlichkeiten und den Konstellationen was Risikobereitschaft der Gegner angeht ausgegangen, vermutlich nicht geeignet um einen Punkteschnitt zu erreichen der uns die Mannschaften die von hinten ranrobben vom Leib hält – geschweige denn nach oben Boden gut zu machen.
Bleibt also nur "Plan A or die" – oder eben die Variante wo wir eine bessere Balance aus Elementen unseres aktuellen Ansatzes und Aspekten von Raum- und Positionsspiel finden. Praktisch gesprochen: Das 1 gegen 1 über den ganzen Platz ist, Bayern hin oder her (lass den Kompany mal Heidenheim trainieren, so lange er nicht die CL holt sagt das angesichts des Qualitätsgefälles in der Bundesliga über seine Taktik wenig bis gar nix), da wo es gerade herkommt (England) eigentlich die "quick and dirty"-Variante, das Pressing des kleinen Mannes. Warum? Weil es viel, viel einfacher für den Kopf und das Kollektiv ist als ein Pressing in Struktur (wie es Liverpool unter Klopp gelernt hat oder Man City seit der Verpflichtung von Klopps Co-Trainer optimiert). Für letzteres brauchst Du einen Plan, Routine und Spieler die das dann auch hinbekommen. Kriegt man aber durchaus auch auf unserem Wettbewerbsniveau hin – wenn man eben einen solchen Plan hat und ihn über mehrere Transferphasen mit einem einheitlichen Coaching (muss nicht der selbe Trainer bleiben, aber die selbe Idee) verfolgt.
Deswegen war hier schon in der Hinrunde "nachhaltiger Fussball" so oft ein Thema. Wir haben die letzte Saison im Verwaltungsmodus austrudeln lassen (fair, geschenkt) – und uns dann mit Ende der Transferphase im Sommer (keine Ahnung ob der Wechsel nach 3 Spielen immer schon intendiert oder "Flucht nach vorne" war) konsequent auf eine sehr offensive Kopf-durch-die-Wand-Idee festgelegt. Zu dem ganzen Trend-Gelaber (nicht abwertend gemeint, aber die Frage von Trends, Gegenbewegungen usw. ist halt etwas komplexer als die Frage was jetzt "modern" oder nicht ist) gehört dann aber auch die Beobachtung dass die Monokultur-Bayern unter den Teams die ganz nach oben in ihrer Liga wollen schon eine ziemliche Ausnahme sind (Kompany hat mit einem Topteam der Championship alles zerlegt und ist dann in anderen Qualitätsverhältnissen in der Premier League abgeschossen worden; wer das meiste Geld hat kann spielen was er will, s. Amorim bei Sporting vs. Amorim bei ManU). Auch in England sind Teams ganz vorne, die "nachhaltiger" und komplexer an das Verhältnis von Mann- und Raumorientierung, Tempogegenstoß und Positionsspiel rangehen (was eben auch der aktuellen Trenderzählung den Zahn zieht: Ein Arteta musste seinen Fussball "langweiliger" machen um die Fehlerzahl runterzufahren, überlegen bleibt sein Ansatz trotzdem; und Kohfeld hat im Kleinen genau das gegen uns gemacht, "Stress am Mann" zerstört Spiel im Raum eben nicht per se, da gibt's Gegenmaßnahmen) – das eins gegen eins ist eher die Domäne der Überraschungsteams an der Schwelle zum oberen Tabellendrittel (letztes Jahr Wolves, dieses Jahr Sunderland – diese Kategorie). Das schließt natürlich nicht aus, dass man damit auch in unsere Zielbereiche kommen kann. Aber wir haben jetzt bald zwei Drittel der Saison gespielt und aktuell spricht vieles dafür dass wir gegenüber den Rahmenbedingungen und Investitionen eher "underperformen" werden wenn wir weiterhin alternativlos so rangehen.
Lange Rede, kurzer Sinn:
Wir haben nach dem Prinzip "All-In" versucht uns eine Pressingmannschaft zu verschaffen ohne die Hausaufgaben dafür zu machen – und dieser Ansatz zerfällt gerade zusehends. Wird also Zeit, das ganze mit Plan anzugehen und sich wirklich die Arbeit zu machen, ein System aufzubauen das auf mehr als einer einfachen Idee und "das ist Sparta!" beruht. Und Mauern als Plan B funktioniert oben leider nicht. Ich wiederhole mich da seit Monaten: Für mich ist es vollkommen okay, wenn Lieberknecht die Chance kriegt diesen Weg zu gehen, er muss es nur auch wollen (und dann können). Wenn nicht wird er gehen – und wir alle erneut die Daumen drücken dürfen dass bei uns mal etwas Plan und Weitsicht reinkommen. Und wer vorher Trainer war sollte eigentlich echt mal langsam egal sein.