Gazza hat geschrieben:Grundsätzlich ist es für mich weniger irritierend zu welchem Ergebnis das Gros der Fans auf dbb kommt - sondern vielmehr das "wie".
Anstatt eine ergebnisoffene Diskussion zu führen, betreibt man eine Komplexitätsreduktion zur Frage nach Kontinuität - so als ob selbige ein Wert an sich darstellen würde.
Man stellt das Ergebnis an den Anfang der Betrachtung ("Schuster muss bleiben") - und argumentiert dann von Hinten nach Vorne.
Schuster hat in den letzten 15 Spielen 10 Punkte geholt - ohne gravierende Verletzungssorgen, die eine hinreichende Erklärung bieten könnten.
Vielmehr sind nahezu keine funktionierenden Lauf-/ Passwege zu erkennen, auf die die Mannschaft in Drucksituationen zurückgreifen könnte - so kommt es zu einigen 1/2- bis 3/3-Chancen, aber nicht zu Drangperioden, die zwangsläufig Treffer hervorbringen müssen.
Eingedenk der bisherigen Vita von DS, sehe ich einer Trainer, der sowohl einen Plan A hat - und definitiv eine erfolgreiche Saison gestaltet hat.
Einen Plan B habe ich weder bei seinen vorherigen Stationen noch bei uns gesehen - vielmehr einen Trainer, der Aufstellungen wie Einwechslungen vornimmt, die sich nicht mit den am Spieltag gebrachten Leistungen in Einklang bringen lassen.
Seine mangelnde Bereitschaft/ Fähigkeit eine proaktive Spielidee zu kreieren, wird die desaströsen Ergebnisse gegen Mannschaften aus dem unteren Drittel der Saison fortführen - ob dann noch die Bonuspunkte aus Highlightspielen dies auszugleichen vermögen, wage ich zu bezweifeln.
Da wir keine absoluten Hochkaräter werden verpflichten können, benötigt es ja zwingend eine über eine komplette Saison tragende Idee - und die sehe ich bei ihm nicht.
Folglich erwarte ich mir auch keine entscheidenden Veränderungen durch Neuzugänge.
Mein Fazit:
Entweder wir trennen uns in den nächsten 2 Wochen oder in spätestens 4-5 Monaten mit dem zugehörigen Tabellenplatz.
Du bringst gute Punkte, bist aber auch festgefahren. Will mich jetzt nicht gegen oder pro Schuster aussprechen. Nur ein paar Punkte einwerfen:
Kontinuität:
Das ist ein schönes Wort. Aber ich glaube 99% der Leute ist es an sich egal, ob man jetzt alle 10 Jahre oder alle 6 Monate den Trainer wechselt. Was die Leute mit Kontinuität verbinden ist, einen Plan zu haben.
In den Chaostagen der frühen und mittleren 2010er Jahren hatte jeder Trainer eine komplett andere Ausrichtung.
Kurz: Defensiv gut stehen, zur Grundlinie gehen und flanken
Foda: Rumgurken und hoffen, dass wir den Gegner mit der individuellen Qualität erdrücken.
Runjaic: Ballbesitz pur
Fünfstück: Außen und Kampf
Und so weiter und so fort. Wir holten über 200 Spieler, ein Dutzend Trainer und wurstelten uns in den Amateurbereich. DAS wollen die Leute nicht mehr. man will Identifikation mit Spielern und das Gefühl, dass die auf dem Berg nicht herumrennen wie ein Huhn ohne Kopf.
Die von dir angesprochene Komplexitätsreduktion ist für mich ein Ammenmärchen. Ja, es gibt auch die "Ruhe Vorbeter" aber meist geht es doch um konkrete Argumente und die mittelfristige Perspektive.
Verletzungssorgen:
Die Grippewelle zu Rückrundenbeginn, die Ausfälle von Kraus, Bormuth, Ritter, Redondo zum Ende der Runde haben den Kader
signifikant geschwächt. Über Previlles Fitness ranken sich die Mythen, aber ich gehe mal mit der offiziellen Version, dass er öfters verletzt war. Keine Ahnung ob du das alles nicht mitbekamst. Oder nicht gelten lassen willst.
Einwechslungen und Spielidee:
Schuster hat die meisten Joker eingewechselt. Da ist er faktisch über alle Kritik erhaben. Zolinski...joa. Es muss einen Grund geben, warum er ÜBERALL wo er war, durchspielen durfte (Paderborner Aufstiegself mit Klement inklusive). Warum er als Offensivspieler kaum Scorerpunkte hat, sieht man.
Bei der Spielidee sahen wir 2 komplett unterschiedliche Halbserien: Hinrunde mit "Hoch und weit" und Rückrunde mit "Ballbesitz für Arme" und dem Versuch zu pressen. Würde mal Kohlmayers Artikel empfehlen, der erklärt das gut.
Ging 3mal voll auf (Kiel, Fürth + H96) 3 mal machten wir das Scheiss Tor nicht (Karlsruhe, Bielefeld, Rostock) und oft schossen wir uns Eigentore (Zucks Außenrist gegen D98, Zimmers Rote gegen F95, irgendein saudummer Ballverlust gegen SCP). Dazwischen einige Grottenkicks (SVS, Jahn, St Pauli, Magdeburg).
An sich entspricht die Spielidee aber dem klassischen Zweitligisten. Viel Kampf, Pressing. Und vorne 2,3 Leute die mit einer Einzelaktion die Entscheidung bringen sollen. Muss man nicht mögen. Kiel, Paderborn und Heidenheim gehen den genau anderen Weg und legen viel wert auf Passstafetten. Legitim. Sowas einzustudieren braucht aber Zeit.
Es ist zweifelsohne neu für Schuster. Bei D98 und Aue ging es nur drum, ergebnisorientiert zu spielen. In Augsburg waren alle Stürmer verletzt, sodass er defensiv spielen MUSSTE. Die warfen ihn aber auch nicht wegen den Ergebnissen raus.
Jetzt muss man überlegen: Werf ich Schuster oder nicht? Und was erhoffe ich mir von dem Rauswurf? Was sehe ich als realistische Punktzahl mit dem Team? 45P? 55P? den Aufstieg?
Mit den Konsequenzen und Risiken, dass
A) der neue Trainer sich einfinden muss,
B) neue Spieler will oder Altgediente nicht will ->man kann die gesamte Planung seit Januar in die Tonne kloppen.
C) nach kurzer Zeit nicht mit 3-4-3/3-5-2 einverstanden ist.
D) Dem Risiko, dass es menschlich nicht passt und man schlimmstenfalls 3 Trainerteams parallel bezahlt.
Geht man all diese Risiken ein, wenn man vorhat in den USA eine Werbereise zu machen? Ich hänge nicht an unserem Trainer. Persönlich und sportlich mochte ich Ante lieber. Der Mann war Betze in einen Menschen gegossen. Emotional, direkt, manchmal bisschen Assi aber dennoch charmant und mit positiver Ausstrahlung. Schuster gibt uns aber eine Seriösität, Härte und Bodenständigkeit, die hier lange fehlte. Weniger Bauchgefühl, mehr Verstand.
Aber rational gesehen fehlen der Mannschaft halt 2,3 Verstärkungen, die einschlagen. Egal ob Schuster, Neuhaus oder Hollerbach (für mich wahrscheinlichster Nachfolger btw) hier Trainer wären. Fällt Boyd morgen vom Kirschbaum, stehen wir ohne Stürmer da. Heilt Kraus Sprunggelenk nicht aus, haben wir die ganze Zeit Koordinationsprobleme.
Für mich gibt es gute Gründe, die für "Weitermachen" sprechen
-Stilumstellung hat schon begonnen
-Planung mit Hengen schon lange gelaufen
-kann einwandfrei Spiele lesen und reagiert auch
-nüchtern sachliche Herangehensweise
-Mannschaft ist topfit
-kann junge Leute einbauen (Niehues, Lobinger) und Leistungsträger aus Formlöchern führen (Ritter, Zimmer)
-ist Disziplinfanatiker (O Ton Hengen) mit Empathie (Lilienforum-Artikel)
Und schlechte:
-die Punktausbeute aus der Rückrunde
-Zu wenig Einsatzzeiten für Preville und Klement
-Belastungssteuerung?
Alles in allem denke ich, dass Hengen mit so einer Rückrunde rechnete und einpreiste. Und mit Schuster den Kader weiterentwickelt. Kann ich mit Leben- weil Führung und Entwicklung nicht in 6 Monaten gehen sondern jahresweise.
https://www.swr.de/sport/fussball/1-fc- ... z-100.html