
Interview des Monats: FCK-Geschäftsführer Thomas Hengen, Teil 1/2
"Abwartender Fußball passt nicht zu uns"
Thomas Hengen ist seit dem 01. März zurück beim 1. FC Kaiserslautern. Wir haben den neuen Geschäftsführer nach dem gerade so geschafften Klassenerhalt gefragt, wie er den Roten Teufeln den Weg in eine bessere Zukunft ebnen will.
Der Betze brennt: Thomas Hengen, es ist uns bewusst, die Saison ist gerade erst zu Ende gegangen, die heiße Phase der Transferperiode erst angelaufen - da ist klar, dass Sie sich konkret zu Personalfragen noch bedeckt halten möchten. Aber können Sie schon ein paar Eckdaten nennen, etwa zum Lizenzspieler-Etat, der Ihnen für die kommenden Spielzeit zur Verfügung steht?
Thomas Hengen (46): Dazu stehen in diesen Tage noch Gespräche innerhalb der Geschäftsführung an. Aber es dürfte darauf hinauslaufen, dass wir gegenüber der Vorsaison mit einem etwas geringeren Etat arbeiten müssen. Das ist bei anderen Klubs mit Blick auf die finanziellen Folgen der Pandemie aber auch nicht anders.
"Unser Etat wird geringer, aber das geht anderen Klubs auch so"
Der Betze brennt: Was die Profis mit auslaufenden Verträgen angeht, sind ja schon erste Entscheidungen gefallen. Simon Skarlatidis, Lukas Gottwalt und wohl auch Carlo Sickinger werden den Verein verlassen, im Falle von Hendrick Zuck haben beide Seite bereits verlauten lassen, dass eine Verlängerung gewünscht ist. Es gibt aber auch Spieler, die haben noch Vertrag, nehmen aber unter dem aktuellen Trainer offenbar nicht mehr Platz den Kaderhierarchie ein, den ihnen dessen Vorgänger zudachten, Marlon Ritter oder Alex Winkler beispielsweise. Wie sind da die weiteren Überlegungen?
Hengen: Grundsätzlich gilt, Vertrag ist Vertrag. Aber in dem einen oder anderen Fall wird es auch da noch Gespräche geben. Zunächst wird der Trainer mit den Spielern darüber reden, wie ihre Zukunftsaussichten bei uns sind. Dann wird man schauen, was für beide Seiten sinnvoll ist.
Der Betze brennt: Was ist mit den Spielern, die verliehen sind und nun zurückkommen, also Lucas Röser und Mohamed Morabet?
Hengen: Für sie gilt das gleiche. Da stehe ich mit den Beratern bereits in Kontakt.
Der Betze brennt: Kommen wir zu unseren Leihspielern. Nahezu alle haben bereits erklärt, dass sie gerne am Betzenberg bleiben würden. Aber ist das überhaupt realistisch?
Hengen: Sie werden jetzt alle erst einmal zu ihren Vereinen zurückkehren und mit den Verantwortlichen klären, ob und wie weiter mit ihnen geplant wird. Da wird man abwarten müssen. Bei Holstein Kiel ist ja etwa noch gar nicht geklärt, in welcher Liga sie künftig spielen.
"Einige Fristen für die Kaufoptionen laufen jetzt im Juni ab"
Der Betze brennt: Laut den offiziellen Pressemitteilungen des Vereins ist in den Verträgen von Adam Hlousek, Marvin Pourié, Anas Ouahim und Jean Zimmer eine Kaufoption vorgesehen. Diese sind ja in der Regel mit einer Frist versehen, in der sie gezogen werden müssen. Ist diese in dem einem oder anderen Fall bereits abgelaufen - oder steht kurz davor abzulaufen?
Hengen: Einige Fristen laufen jetzt im Juni ab. Ob wir diese ziehen oder verstreichen lassen - und gegebenenfalls neu verhandeln - muss man sehen.
Der Betze brennt: Einen Leihspieler weiter zu verpflichten, bedeutet, dass Ablöse fließen muss ...
Hengen: Nicht unbedingt. Wenn der Verein einen Spieler von der Gehaltsliste haben möchte, sich aber kein Abnehmer findet, kann er auch über eine Vertragsauflösung nachdenken. Dann wäre der Spieler ablösefrei.
Der Betze brennt: Wenn, wird so etwas meist kurz vor Schließung des Transferfensters am 31. August gemacht. Das würde also noch eine Weile dauern. Naheliegender ist doch die Frage: Könnte der FCK denn überhaupt Ablösen zahlen?
Hengen: Angesichts der Tatsache, dass wir wahrscheinlich mit einem reduzierten Etat arbeiten müssen und auch noch andere Personalfragen zu klären haben: eher nicht. Was aber nicht heißt, dass wir in dem einen oder anderen Fall nicht vielleicht doch in den sauren Apfel beißen. Das ist immer eine Frage des Gesamtpakets.
"Leihspieler sind Fluch und Segen zugleich"
Der Betze brennt: Anders sähe es aus, wenn der FCK selbst Einnahmen auf dem Transfermarkt erzielen könnte. Spieler wie zuletzt Lennart Grill, Florian Pick und Christian Kühlwetter, die sich dieses Jahr gut entwickelt haben und in einem Alter sind, dass sie einem Käufer weitere Marktwertsteigerungen versprechen, hat der FCK dieses Jahr jedoch nicht im Angebot, außer Philipp Hercher vielleicht. Was wiederum auch an den vielen Leihspielern liegt, die die Stammplätze besetzten.
Hengen: Leihspieler sind nun einmal Fluch und Segen zugleich. Natürlich sind uns eigene Spieler, die bei uns ihre Marktwerte steigern, lieber. Aber zuallererst musst du schauen, dass du Struktur in deine Mannschaft bekommst. Diese Saison hätten wir das ohne unsere Leihspieler nicht geschafft, da müssen wir ehrlich sein. Und anders wären die für uns nicht zu bezahlen gewesen.
Der Betze brennt: Das heißt, auch der Sport-Geschäftsführer Hengen wird künftig auf Leihspieler setzen?
Hengen: Wenn die Qualität so hoch ist, dass sie für uns in einer anderen Konstellation nicht zu haben ist, na klar.
Der Betze brennt: Bei einem Felix Götze etwa dürfte wohl auch gar nichts anderes denkbar sein.
Hengen: Das glaube ich auch. Bevor wir keine andere Chance mehr haben, ihn länger am Betzenberg zu halten, leihen wir ihnen gerne nochmal.
Der Betze brennt: Angesichts der vielen Personalfragen, die noch ungeklärt sind, sind gegenwärtig also noch rund zwölf Kaderplätze offen. Andererseits stehen auch noch einige unter Vertrag, der FCK hat in der abgelaufenen Saison immerhin 32 Spieler eingesetzt, so viele wie kein anderer Drittligist. Was wäre denn für Sie die ideale Kadergröße?
Hengen: Ich lass mich da ungern auf eine Zahl festnageln. Aber 26 bis 28 Spieler sollten es schon sein. In der 3. Liga mit ihren 20 Vereinen ist die Saison sehr lang, allerdings soll der Profi-Kader auch nicht so groß sein, damit Spieler aus unserem U21-Team die Perspektive sehen, unter Umständen sehr kurzfristig aufrücken zu können. So, wie es in der Schlussphase der Saison Luca Jensen gelungen ist.
"Der Trainer ist direkt und impulsiv, ich bin eher der ruhige, regulative Typ"
Der Betze brennt: Felix Götze, aber auch Marvin Senger dürfen als die ersten Verpflichtungen der Ära Hengen/Antwerpen gelten ...
Hengen: Die beiden wurden nach einer Kaderanalyse verpflichtet, die Marco Antwerpen in diesem Winter vorgenommen hat. Ich war damals noch Angestellter von Alemannia Aachen.
Der Betze brennt: Wie gut kannten Sie Marco Antwerpen denn, bevor es zu der Zusammenarbeit in Kaiserslautern gekommen ist. Sie waren ja auch vor ihrer Zeit als Sportdirektor in Aachen auch schon als Scout viel in der Regionalliga West unterwegs gewesen, wo sich auch Antwerpen seine ersten Lorbeeren verdiente.
Hengen: Man hat sich immer mal wieder im Stadion gesehen. Natürlich habe ich mir auch Meinungen von anderen angehört, mir aber auch einen eigenen Eindruck verschafft. Aber es ist etwas anderes, ob du täglich mit jemandem arbeitest oder nur mal einen Kaffee mit ihm trinken gehst.
Der Betze brennt: Und welchen Eindruck haben Sie mittlerweile von ihm?
Hengen: Er ist sehr offen, sehr direkt und sehr impulsiv, was der Mannschaft guttut. Ich bin eher der ruhige, der regulative Typ, von daher passt die Kombination ganz gut. Wir sind durchaus nicht immer einer Meinung, bewerten Spieler auch mal unterschiedlich. Da wird dann heiß diskutiert, aber anschließend ist wieder alles in Ordnung. So muss das sein.
"Die Philosophie am Betze heißt: aktiv, körperlich, laufintensiv, aggressiv"
Der Betze brennt: Sie haben ja auch selbst eine Fußballlehrer-Lizenz. Besteht da nicht die Gefahr, dass man da auch mal in den Verantwortungsbereich des Trainers eingreift - erst recht, wenn man sich auch noch zu ihm Bank setzt?
Hengen: Ich hab nicht nur die Lizenz, ich war auch selbst mal ein Jahr Trainer. Und ich hab auch ein paar Jährchen selber gekickt. Von daher darf ich mir schon eine eigene Meinung zu den Dingen erlauben, und der Trainer legt ja auch Wert darauf, dass ich diese offen ausspreche. Aber was Aufstellung und den Spieltagskader angeht, das ist allein seine Entscheidung, da gibt es gar keinen Zweifel. Der Trainer ist der Chef auf dem Platz.
Der Betze brennt: Sie haben sicher unser Interview mit Kalli Feldkamp gelesen, wurden von einigen ja auch direkt darauf angesprochen. Der hält gar nichts von Managern, die sich mit auf die Trainerbank setzen …
Hengen: Ich hätte auch kein Problem damit, auf der Tribüne zu sitzen. Aber wenn der Cheftrainer möchte, dass ich ihn auch auf der Bank unterstütze, dann mache ich das natürlich. Ansonsten gebe ich Kalli ja vollkommen recht: Auf der Bank ist der Trainer der Chef. Aber es hat sich auch einiges geändert, seit er Trainer war. Es gibt mittlerweile Vereine, da sitzen Sport-Vorstand und Sportdirektor beim Trainer mit auf der Bank.
Der Betze brennt: Ein Geschäftsführer Sport arbeitet im Normalfall immer länger im Verein als der Trainer. Der ehemalige Sportdirektor Boris Notzon hat beklagt, dass mit den Trainerwechseln in den vergangenen Jahren immer auch Brüche einhergingen, was die Art des Fußballs angeht, die auf dem Betzenberg gespielt werden soll. So sei auch auf dieser Ebene keine Weiterentwicklung möglich. Denken Sie, Sie bekommen das bei Trainerwechseln künftig besser hin?
Hengen: Zunächst mal hoffe ich, dass Marco Antwerpen hier noch lange Trainer bleibt. Der Trainer sollte immer zum Verein passen und nicht umgekehrt. Insofern ist Marco 100 Prozent FCK. Er ist emotional, er lebt den Verein. Kaderplanung sollte natürlich nicht unabhängig vom Trainer stattfinden, aber sie muss von der Philosophie des Vereins geprägt sein, davon, wie er Fußball spielen will. Und das heißt am Betzenberg: aktiv, körperlich, laufintensiv, aggressiv. Abwartender Fußball passt nicht zu uns, das muss ein Trainer verinnerlichen.
"Marco Antwerpen lebt den FCK zu 100 Prozent"
Der Betze brennt: Sie haben in diesem Zusammenhang zuletzt vom "Betze-Gen" gesprochen. Was ist das für Sie?
Hengen: Wenn Sie unseren letzten Spiele verfolgt haben, müsste es Ihnen eigentlich auch begegnet sein. Das Spiel gegen Halle, aus dem wir mit zehn Mann aus einem 1:1 noch ein 3:1 gemacht haben. Das 3:3 gegen Viktoria Köln, wo wir nach einem 1:3 nochmal zurückgekommen sind und hinten raus noch hätten gewinnen können. Zwei Tore Rückstand, was ist das schon? Mentalität schlägt Talent. So habe ich den Betze als Aktiver kennengelernt.
Der Betze brennt: Wenn Sie schon in Ihren Erinnerungen graben - was ist das verrückteste Spiel, das Sie als Aktiver auf dem Betze erlebt haben?
Hengen: (überlegt) 1994 das 6:3 im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund, wo Olaf Marschall in der Verlängerung das 4:3 erzielte, obwohl er nur noch humpeln konnte, aber nicht mehr ausgewechselt werden durfte. Oder das 4:0 gegen die Bayern ein paar Monate zuvor. Spielerisch unterlegen sein, aber dennoch dominant auftreten, weil man weiß, dass man das ausgleichen kann, mit Laufbereitschaft, mit Intensität, mit dem Publikum. Das man ein gutes Gespür dafür hat, ob einer mit 100 Prozent dabei ist oder nur mit 80. Das ist Betze.
Morgen im zweiten Teil unseres Interviews des Monats: Thomas Hengen über die Zusammenarbeit mit den Investoren, den Optimierungsbedarf im Kader und die Frage nach dem Saisonziel für die kommende Spielzeit.
Quelle: Der Betze brennt / Autoren: Eric Scherer, Gerrit Schnabel, Thomas Hilmes
Ergänzung, 29.05.2021:

FCK-Geschäftsführer Thomas Hengen (l.) jubelt mit Co-Trainer Frank Döpper; Foto: Eibner/Neis
Interview des Monats: FCK-Geschäftsführer Thomas Hengen, Teil 2/2
"Wir wollen den eingeschlagenen Weg weitergehen"
Teil 2 unseres Interviews des Monats: Geschäftsführer Thomas Hengen spricht über die Zusammenarbeit mit den Investoren, den Optimierungsbedarf im Kader und die Frage nach dem nächsten Saisonziel des 1. FC Kaiserslautern.
Der Betze brennt: Thomas Hengen, im Umfeld des FCK wird viel über Einflussnahmen von Funktionären und Investoren auf den sportlichen Bereich gemunkelt. Wie haben Sie diesen bislang wahrgenommen?
Thomas Hengen (46): Man ist über die elektronischen Medien heutzutage doch mit allen möglichen Leuten im ständigen Dialog. Mit den Fans, mit dem Beirat, mit den Medienvertretern, natürlich auch mit Investoren. Die ja auch Fans sind. Der Verein kann doch froh sein, dass ihn so eine regionalen Gruppe unterstützt. Natürlich hat da jeder seine eigenen Meinung und die darf er auch sagen, das ist doch das Schöne am Fußball. Ich habe überhaupt kein Problem damit, mich mit allen an einen Tisch zu setzen und Dinge auszudiskutieren. Solange klar ist, wer am Ende die Entscheidungen trifft.
Der Betze brennt: Und das sind in jedem Fall Sie?
Hengen: Im sportlichen Bereich, ja. In Abstimmung mit dem Trainer.
Der Betze brennt: Gibt es feste Termine, zu denen Sie den Investoren regelmäßig Bericht erstatten?
Hengen: Nein, wir tauschen uns immer mal punktuell mal aus. Oder man sieht sich mal im Stadion und diskutiert übers Spiel.
"Im sportlichen Bereich treffe ich mit dem Trainer die Entscheidungen"
Der Betze brennt: Haben Sie bestimmte Ansprechpartner in der Investorengruppe? Klaus Dienes oder Guiseppe Nardi etwa, weil die ja auch im Beirat der FCK-Kapitalgesellschaft sitzen?
Hengen: Ich muss zugeben, dass ich bislang noch gar keine Zeit hatte, die turnusgemäßen Beirats- und Aufsichtsratssitzungen zu besuchen. Das wird sich aber hoffentlich bald ändern.
Der Betze brennt: Sie werden mit den Investoren ja auf jeden Fall darüber reden müssen, wie viel Geld Ihnen zur Verfügung steht und für welche Spieler.
Hengen: An der Budgetierung arbeitet Soeren Oliver Voigt (zweiter FCK-Geschäftsführer neben Thomas Hengen; Anm. d. Red.) zurzeit. Anfang Juni werden wir sehen, wie der Rahmen dieses Jahr für uns gesteckt ist. Und sicher wird es auch die Investoren interessieren, wie wir uns aufstellen können. Es geht aber nicht nur um den aktuellen Kader, sondern beispielsweise auch um unser Nachwuchsleistungszentrum, unser Faustpfand für die Zukunft, in dem sich infrastrukturell die letzten Jahre wenig getan hat. Wir wollen weiter Talente ausbilden, auch wenn das angesichts der finanzkräftigen Konkurrenz um uns herum immer schwieriger wird. Doch wir können den Jungs eine Plattform bieten, sich zu entwickeln, Spielpraxis zu sammeln und ihnen die Perspektive bieten, auf dem kurzen Weg in die Erste Mannschaft aufzurücken. Wer schon als Jugendspieler reich werden will, muss woanders hingehen.
Der Betze brennt: Wie viele neue Spieler verpflichtet werden können, ist angesichts der vielen offenen Personalfragen ja noch gar nicht abzusehen. Aber gibt es einzelne Positionen, auf denen Sie den Kader auf jeden Fall verstärken wollen?
Hengen: Grundsätzlich wollen wir uns in jedem Bereich optimieren.
"Dass wir ein Längenproblem haben, ist ja kein Geheimnis"
Der Betze brennt: Der FCK kassiert überdurchschnittlich viele Gegentreffer per Kopf. Auch fällt auf, dass alle Topteams der 3. Liga eine Kante im Kader haben, einen "Wandspieler" für die vorderste Front. Der FCK hat keinen Typ dieser Art. Das sind doch ganz klar Prioritäten, die gesetzt werden müssen.
Hengen: Dass wir ein Längenproblem haben und vor allem in der Innenverteidigung mehr Körpergröße brauchen, ist ja kein Geheimnis. Wir haben aber auch Optimierungsbedarf, um der U23-Regel in der 3. Liga gerecht zu werden. Jetzt nennen Sie mir mal einen Innenverteidiger im U23-Alter, der großgewachsen ist, aber auch technisch stark ... Es ist schwierig zurzeit. Es wird sich auf dem Markt aber noch einiges tun, da müssen wir die Augen offenhalten und vielleicht Geduld haben. Einige Entscheidungen über Aufstieg und Abstieg stehen noch aus. Corona zwingt viele Vereine, ihre Kader zu verschlanken. Andere lösen ihre Zweitvertretungen auf. Die U17-, U19- und U21-Jahrgänge konnten sich vergangene Saison fast gar nicht zeigen, was ja auch ungeheuer bitter ist für die Jungs, die ein komplettes Jahr verloren haben. Viele bekommen keine neuen Verträge mehr, so dass der Markt gerade brutal überschwemmt wird mit U19-Spielern.
Der Betze brennt: Sie reden von "dem" Markt. Aber es gibt ja nicht nur den deutschen. Sie waren in Ihren Jahren als Scout für Vereine wie den FC Everton, den Hamburger SV oder den PSV Eindhoven unter anderem auch in den Benelux-Ländern unterwegs, zuletzt auch in Südeuropa. Werden Sie sich jetzt auch für den FCK auf diesen Märkten umschauen?
Hengen: Unmöglich ist nichts. Aber da muss man bedenken: Wegen Corona scouten wir ja seit anderthalb Jahren fast nur noch am Bildschirm. Einen Spieler nur anhand von Videomaterial aus dem Ausland zu verpflichten, ist riskant. Du musst ja auch beurteilen können: Ist der Spieler anpassungsfähig, wie funktioniert es mit der Sprache, mit dem sozialen Umfeld, mit der Mentalität, wie viel Anlaufzeit bräuchte er - ohne Recherchen vor Ort ist das alles sehr schwierig.
Der Betze brennt: Aber so ein paar interessante Kandidaten haben Sie von Ihren früheren Auslandsreisen schon noch im Block?
Hengen: Ich habe nicht nur einen Block, ich habe ganze Ordner voller Spielernamen. Ich bin aber kein Träumer und bewege mich lieber in der Realität. Es hat schon seinen Grund, dass viele mittlerweile lieber im Teich vor der eigenen Haustür fischen. Auch in den Regionalligen gibt es gute Jungs.
"Man darf es mit Daten und Algorithmen nicht übertreiben"
Der Betze brennt: Werden Sie am bestehenden Scoutingsystem insgesamt etwas ändern?
Hengen: Es gibt andere Baustellen, die zurzeit mehr Aufmerksamkeit benötigen. Seit Januar ist Olaf Marschall unser Chefscout, als Hospitant unterstützt ihn Luca Sickinger, auch die Trainer oder ich stehen bereit, interessante Spieler zu beobachten, so wir denn in die Stadien dürfen. Ich denke, für die 3. Liga sind wir gut aufgestellt.
Der Betze brennt: Heute werden die Spieler ja auch mit Hilfe elektronischer Daten analysiert. Wie gewichten Sie zwischen Zahlen und eigenen Eindrücken?
Hengen: Über die Jahre bin ich mit allen möglichen Arten von Daten und Algorithmen in Berührung gekommen. Man darf es damit aber nicht übertreiben, und davon muss man sich schon selbst ein Bild von machen. Daten können aber sicher unterstützen, auch in anderen Bereichen, etwa bei der Trainingssteuerung. Und sie können dem Trainer helfen, einen Spieler auch mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen: Wenn er meint, er wäre er gerannt wie Weltmeister, das Analysetool aber zeigt, dass er in 90 Minuten nicht mal fünf Kilometer gelaufen ist.
Der Betze brennt: Wie sehen Sie die Entwicklung generell? Werden die Daten mittlerweile zu wichtig genommen?
Hengen: Das ist Ansichtssache. Ein langer Ball, der nach vorne geschlagen wird, ist für den einen ein toller Packingpass hinter die Kette, für den anderen war’s nur ein Befreiungsschlag. Schlussendlich musst du das selbst beurteilen, das nimmt dir keiner ab. Was nutzt es, wenn ein Spieler den Laufdaten zufolge 15 Kilometer abgespult hat, er aber doch nur sinnlos durch die Gegend gerannt ist. Der Trainer kann mittlerweile auf alle möglichen medizinischen Daten zugreifen und sie studieren, am Ende aber muss er eine homogene Truppe auf dem Platz haben, in der auch Empathie und Gruppendynamik stimmen, und deren Wert kann keiner messen. Die können nur übers Zwischenmenschliche herausgekitzelt werden.
"Vor allem zuhause Vollgas geben und versuchen, jedes Spiel zu gewinnen"
Der Betze brennt: Wie wichtig sind Mitspieler, von denen man was lernen kann, die auch führen können? Als Sie damals in den Profi-Kader aufrückten, gab es einen Ciriaco Sforza, von dem Sie sich ein bisschen was abschauen konnten.
Hengen: (lacht) Oh ja, ein bisschen was ... Der kam, glaube ich, als 23-Jähriger zum ersten Mal auf den Betzenberg und konnte alles: verteidigen, attackieren, passen, schießen, köpfen. Natürlich lernst du als junger Spieler von so jemandem. Wir müssen halt schauen, dass wir das nun auch auf unserem Niveau hinbekommen. Jean Zimmer mit seiner Erfahrung aus höheren Ligen hat das doch gut gemacht, auch Anas Ouahim. Oder Kevin Kraus, der ruhig noch ein bisschen mehr aus sich herausgehen könnte.
Der Betze brennt: Die Abschlussfrage formulieren wir extra ein bisschen provokativ, aber wir gehen eben auch gerne mit einer positiven Grundeinstellung voran: In den letzten zehn Saisonspielen erreichte der FCK einen Schnitt von 1,7 Punkten, in den Heimspielen unter Marco Antwerpen waren es sogar 2,0 Punkte. Trotz der unterm Strich katastrophalen Saison lässt sich auf diesen Endspurt doch gut aufbauen. Also wird das Ziel für nächstes Jahr dann der Aufstieg sein, oder?
Hengen: (lacht) Um über einen konkreten Tabellenplatz als Ziel zu sprechen, dafür ist es jetzt noch zu früh. Ich denke, dieses schwierige Jahr hatte für uns auch etwas Gutes: Wir sind geerdet worden und wieder mehr zusammengewachsen. Die Spieler haben verstanden, was für eine Verantwortung sie für die gesamte Region haben. Das ist viel wert in diesen Zeiten, in denen viele sagen, dass der Fußball sich immer weiter von der Basis entfernt. Auf dieser Grundlage wollen wir den Weg, den wir in den vergangenen Wochen eingeschlagen haben, weitergehen. Wir wollen Leistung auf den Platz bringen, die Intensität hochhalten, vor allem zuhause Vollgas geben und versuchen, jedes Spiel zu gewinnen. Denn hier ist unser Wohnzimmer. Die Leute sollen sich freuen, wenn sie wieder auf den Betze gehen dürfen.
Der Betze brennt: Herzlichen Dank für das Gespräch und ein gutes Händchen für die anstehenden Aufgaben!
Quelle: Der Betze brennt / Autoren: Eric Scherer, Gerrit Schnabel, Thomas Hilmes
Ergänzung, 19.07.2021:

Hengen im Podcast: "Brauchst einen brutal langen Atem"
Die Stimmung beim FCK war lange nicht mehr so gut wie aktuell. Sportgeschäftsführer Thomas Hengen hat seinen Teil dazu beigetragen, hebt aber vor allem das Team als Kollektiv hervor.
Seit März ist Hengen im Amt. Die ersten Monate waren durchaus turbulent und "sehr intensiv". "Du merkst einfach, dass das hier ein Traditionsverein ist. Ich habe selbst hier gespielt. Die Begeisterung und die Wucht haben sich nicht geändert", sagt Thomas Hengen in der neuen Folge des SWR Sport Podcast "Nur der FCK."
» Kompletter SWR-Podcast: Sportchef Thomas Hengen bei "Nur der FCK" (36 Min.)
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Und auch wenn es gerade den Anschein macht, dass beim FCK wieder eine Mannschaft zusammenwächst, die erfolgreichen Fußball spielen könnte, will sich Thomas Hengen, ähnlich wie Antwerpen, nicht dazu hinreißen lassen, das Saisonziel besonders hoch zu stecken.
"Wir wissen alle, die Liga ist bockstark. Gefühlt ist die Hälfte der Vereine immer im Aufstiegskampf, die andere Hälfte im Abstiegskampf. Wir wollen zeigen, was wir im Stande sind zu leisten. Gerade Zuhause!" Man brauche in dieser Liga einen besonders langen Atem.
Quelle und kompletter Text: SWR

