Letztendlich gehen die Motivlagen zu sehr durcheinander, was dazu führt, dass man aneinander vorbeidiskutiert. Ich sehe folgende Argumentationsstränge:
Die arbeitsrechtliche Situation: Das werden letztendlich die Gerichte klären, aber ich denke nicht, dass der Verein so ein Statement abgegeben hätte, wenn er nicht fest davon überzeugt wäre, dass dies vorm Arbeitsgericht standhält. Gerry "lügt" sicher nicht - aber was er für eine rauhe Ansprache halten mag, dokumentieren andere durchaus als "Arbeitsverweigerung", "Drohung" u.ä. - Leider fürchte ich, dass man ihn da am Ende auch ins offene Messer hat laufen lassen, weil man ihn halt loswerden wollte. Und dann fleißig jeden dummen Spruch "dokumentiert" hat. Muss man nicht zwingend mögen...
Die vereinspolitische Dimension: Ein neuer, potenzieller "Großinvestor" soll laut SWR also im Stadion (und vermutlich auch im VIP-Bereich) gewesen sein. Und sicher keiner aus der Buchholz-Fraktion, wie die folgenden Ereignisse (Durchstecken der Infos an die BILD) zeigen. Gerry ist Buchholz-Lobbyist, das darf man ohne despektierlich zu werden so sagen. Soll heißen: Er stört bei diesem Deal empfindlich! Seine "Freistellung" ist ein unmittelbarer Schlag gegen die Buchholz-Gruppe. Genau aus diesem Grund zweifle ich auch etwas daran, dass es wirklich nur um die Auseinandersetzung mit Schommers ging. Die Kaltstellung Gerrys passt dafür einfach zu gut und zu zeitgenau ins strategische Gesamtbild. Für die Vereinsführung heißt das nichts Gutes, da es erstmals seit Anfang Dezember nach Intransparenz und Unaufrichtigkeit riecht. Vielleicht ist ja auch alles nur Zufall.
Die sportliche Weiterentwicklung: Boris Schommers - das sollte außer Frage stehen! - will einen mitspielenden Torwart. So geht nun mal "moderner Fußball". Gerrys Torleute kleben auf der Linie und haben deutliche Schwächen im Herauslaufen und in der Spieleröffnung. Der massive Konflikt zwischen Schommers und Gerry ist also vorprogrammiert. Dazu kommt dann noch, dass es zwei Alpha-Männchen sind, die den Weg zum gemeinsamen Bier nicht finden werden.
Die organisationskulturelle Dimension: Die Zeiten ändern sich, aber Gerry bleibt Gerry. So wie er kommuniziert, geht das einfach nicht mehr im modernen Wirtschaftsleben. Dinge, die er ohne große Hintergedanken mal eben so locker raushaut, gelten heute als beleidigend, homophob, sexistisch und anmaßend. Das macht die neue Spieler- und Trainergeneration ganz einfach nicht mehr mit!
Aus all diesen Gründen und Motiven, die sich dann auch noch wechselseitig vertärken mögen, wurde Gerry intern vermutlich mit jedem Jahr mehr zur Belastung - und schwand sein Ansehen unter den unmittelbaren Kollegen (seine Torleute ausgenommen). Und deshalb wollte man ihn loswerden! Und die Koinzidenz mit dem Investorenbesuch erklärt auch den Zeitpunkt.
Vermutlich war das alles letztendlich also sogar unausweichlich, hätte aber natürlich in einer vollkommen anderen, wertschätzenden Art und Weise ablaufen
können und müssen!
Bleibt die Frage, wer dafür zu kritisieren ist. Das Vereinsstatement besagt, dass nur die unmittelbare Kommunikation im Trainerteam (die auf die Mannschaft ausstrahlte) ursächlich sei. Nun, "Team Merk" lebt von seiner Aufrichtigkeit - und diese Erklärung halte ich vor dem genannten Hintergrund für unaufrichtig! Das ist ein Fleck auf der bislang weißen Weste, gar keine Frage! Andererseits, was hätten sie verlautbaren sollen: "Gerry Ehrmann war uns als Bexbach-Mann, Macho und aufgrund seiner veralteten Spielauffassung schon lange ein Dorn im Auge!"?

Geht nicht, oder?!
Der zweite mögliche Kritikpunkt: "Das darf einem so nicht um die Ohren fliegen, wieso hat man das nicht schon früher geklärt?" --- Na Ja, wer sagt denn, dass genau das nicht versucht wurde. Intern, was definitionsgemäß heißt, dass wir es nicht erfahren würden. Ich glaube aber, an diesem Punkt prallen zu unterschiedliche Temperamente aufeinander, wobei die Kritik an beide Kontrahenten geht: Ich selbst bin in Gerrys Alter und muss mich dennoch in meiner Führungsposition jeden Tag neu erfinden (aktuelles Stichwort: agiles Management). Und Schommers ist Führungskraft - die Vereinbarkeit unterschiedlicher Temperamente und fachlicher Orientierungen gehört zu seiner Führungsaufgabe! Diese besteht nicht darin, einfach den eigenen Kopf durchzusetzen! Das glauben nur Leute, die nie in Führungspositionen erfolgreich waren. Alle anderen wissen, dass es dabei darum geht, das "Wissen im System" zu heben, intrinsische Motivation zu fördern und dann - ganz am Ende der Prozesskette - eine gut begründete und orientierende Entscheidung zu treffen und zu kommunizieren.
Das wäre so der kühle Organisationsblick auf die Dinge. Jetzt ist der FCK aber nicht irgendein Unternehmen, sondern ein Traditionsverein mit heißblütigen Traditionsfans, deren Identifikation mit dem Verein dessen Lebensnerv bildet! Und denen nimmst Du nicht ungestraft "ihren Gerry" weg! Genau das erleben wir jetzt gerade. Die "Modernisierung" des Vereins kann nur
mit den Fans gelingen, nicht über sie hinweg. Und so haben wir jetzt eine gefährliche Kommunikationslosigkeit zwischen Entscheidungsträgern und Basis.
Was das alles unmittelbar sportlich bedeutet, sehen wir dann am Samstag. Was da jetzt an Interviewanfragen - gerade auch auf die von Gerry als Kronzeugen aufgerufenen drei Torleute - einprasselt, möchte ich nicht wissen. Ich gehe auch mal von einem Insta-, FB- etc Verbot für die Spieler aus, was auch nicht gerade zum guten Arbeitsklima beitragen wird.
Vielleicht aber gibt es auch einen Effekt, wie nach der Spielerrückstufung. Das muss dann gar nicht heißen, dass Gerry an allem schuld war, sondern dass einfach ein arbeitsatmosphärischer Schrecken ohne Ende einem Ende mit Schrecken gewichen ist! Unabhängig davon, wer welche "Schuld" an den Vorfällen trägt.
So, Sorry für den überlangen Beitrag, den vermutlich eh keiner bis zum Ende liest, aber das musste schon als "Selbsttherapie" einfach mal alles sortiert raus.
