SEAN hat geschrieben:Lilie hat geschrieben:
Sehr interessant, ich habe noch nie auf die Stollen der Spieler geschaut. Aber wie kann das sein, dass in einem Profiverein ein Spieler "komplett falsche" Schuhe anhat...?
Dann frag mal die Herrn Hersteller der Schuhe. Vor Jahren fings an mit den länglichen Stollen, zu hauf unter den Sohlen. Man versprach den Spielern besseren Stand, und dadurch bessere Ballkontrolle. War auch so. Das sich allerdings die schweren Knie- und Knöchelverletzungen massenhaft häuften, (weil man eben einen festeren Stand hatte, und sich die Gelenke nur noch in sich, und das Bein nicht mehr mit dem Schuh drehen konnte) mußten viele viele Spieler von alleine feststellen. Jetzt geht man "back to the Roots", die runden Stollen übernehmen wieder das Feld. Blöd nur, das die teilweise so kurz sind, sowas hat man früher auf nem trockenen Ascheplatz getragen.
Gebt den Kerlen die anständig genagelten mit Schraubstollen aus den 80gern zurück, und die fliegen auch nicht mehr unkontrolliert durch die Gegend!
Die Stollenkonfiguration ändert sich in der Tat. Anfang des neuen Jahrtausends kamen querliegende Stollen in Mode, sogenannte Traxionsstollen, die einen perfekten Halt versprachen. Dies war in der Tat auch so, man hatte allerdings das Problem, dass die Stollen schneller waren als das menschliche Hirn, sprich, der Fuss stoppte, während prinzipiell der Rest des Körpers noch in Bewegung war. Es gab in der Zeit eine signifikante Anhäufung von Kreuzbandrissen und Medizin sowie Schuhentwickler waren gespaltener Meinung, ob es mit den Stollen zusammenhängt. U.a. Dr. Müller Wohlfahrt war ein Verfechter der These, dass die querliegenden Stollen Grund für Verletzungen sind. Leise kam man von den querliegenden Stollen wieder weg und kam zurück zu den runden Stollen. Erstens aus genannten Gründen, zweitens wegen des Gewichts. Mittlerweile ist Gewichtsparen das A und O bei Fussballschuhen und da wird sogar bei den Stollen jedes Gramm gespart. Es gibt bereits Schuhe unter 100 Gramm!
Während übrigens früher Fritz Walter zu Adi Dasslers Zeiten mit dem kompletten FCK der „Tester“ neuer Schuhe war und Schuhe weiterentwickelte (es war übrigens Fritz Walter, der vorschlug, Fussballstiefel abzuschaffen und den Schuh nur bis unterhalb des Knöchels gehen zu lassen), hat der FCK den Kontakt insbesondere zu adidas verloren, obwohl der Chef der adidas Deutschland Fabrik glühender FCK Fan ist und insbesondere bei Spielen in Fürth oder Nürnberg im FCK Fanblock mit FCK Schal steht, ebenso wie mancher der Top Entwickler der Marke mit den 3 Streifen. Tipp am Rande für Freaks: Stefan Kiessling von Bayer Leverkusen und so mancher Spieler von Nürnberg sind die Spieler, die immer wieder für adidas testen und gerne mal „Erlkönige“ tragen, also aktiv in die Schuhentwicklung in Deutschland eingebunden sind. Schaut denen auf die Füsse und ihr seht die Zukunft.
Ach ja, noch ein Megaversäumnis des FCK. Während FCK mit unnötigen Marken wie Uhlsport rumläuft, ist der schäbige FK Pirmasens aktiv in die Entwicklung von adidas Schuhen eingebunden und spielt teilweise in Neuentwicklungen, bei denen unser Zeugwart nicht mal weiss, dass die überhaupt existieren. Regionalliga Südwest schlägt den FCK.
Die Entwicklung der Schuhe ist marketinggetrieben, nicht funktionsorientiert. Die Schuhe sollen immer leichter und flexibler werden (während man vor 10 Jahren den Predatorschuh noch mit Wolfram befüllt hat, um ihn schwerer zu machen), damit die Messis und Ronaldos damit umgehen können. Daher ist alles leicht. Nehmt man einen guten alten Copa und haltet ihn links, während Ihr einen Ace, einen F50 oder einen Mercurial in der anderen Hand haltet. Ihr habt das Gefühl, der Copa ist schwer wie Blei. Daher gehen viele auf die neuen modischen „Ferz“ und haben dieses nixwiegende Zeug. Dies mag bei filigranen Spielern ein Vorteil sein, aber ob ein 1,94 Verteidiger der herberen Sorte nicht mal nen gescheiten Schuh tragen soll, einen der, mit Verlaub, dem Stürmer auch mal weh tut, wenn er ihn ans Bein bekommt, stelle ich einfach mal in den Raum.
Das Marketinggehabe bei Schuhen ist so extrem, dass adidas schon sensationelle Neuentwicklungen in die Tonne gekloppt hat, obwohl der Schuh (u.a von Stefan Kiessling) als "sensationell gut" befunden wurde, doch weil man keine Marketingstrategie fand (schneller, leichter, etc), gab es den Schuh nicht. Adi Dassler dreht sich hierfür im Grab rum...
Interessant ist, dass z.B. eine Marke wie New Balance, die kaum Ahnung von Fussballschuhen hat, Sportarten wie Lacrosse entdeckt und hierfür Stollenkonzepte und Schuhkonzepte konzipiert hat, oder Nike stark im American Football Sektor ist und hier Schuhe anbietet, die laut Marketing nicht für Fussball geeignet sind. U.a. mit längeren Stollen. Wenn ich an die guten alten knietiefen Plätze meiner Jugend denke auf denen ich immer gespielt habe, dann kommen mir oft diese Treter als Traum in den Sinn. Für einen Verteidiger perfekt. Lange Stollen, fester Schuh. Da ist Standfestigkeit gegeben. Leider wird kaum ein Spieler, insbesondere die Verteidiger, mit solchen Schuhen konfrontiert, weil die Marketingabteilungen der grossen Anbieter diese Schuhe nicht im Sortiment haben (ok, dass adidas keine New Balance anbietet ist klar, aber der Zeugwart sollte sich auskennen). Interessant übrigens, dass die Schuhentwickler bei Freizeitkicks manchmal solche Treter tragen.
Leider sind heute übrigens Schuhe kaum noch aus Leder, sondern aus Kunststoff, und leider ist das auch notwendig, denn der Ball ist ebenso aus Kunststoff und Ball und Schuh sind durchaus aufeinander abgestimmt.
Dies mal so am Rande. Viel Prosa. Aber ich bin überzeugt, dass wir hier in Sachen Schuhen einiges an Wissen brach liegen haben und dadurch den ein oder anderen Prozentpunkt hinterherhinken. Nein, nicht hinterherhinken. Hinterherrutschen. Und dann ist zumeist der Gegner schneller am Ball...