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Taktik-Nachlese zum Spiel S04-FCK

DBB-Analyse: Der Matchplan geht 87 Minuten lang voll auf

26.01.2026, 14:00 Uhr - Autor: Eric Scherer

Nach 2:0-Führung doch nur 2:2 beim Tabellenführer. Ärgern oder nicht ärgern, das ist hier die Frage. Die Antwort ist, wie so oft, Einstellungssache. Viel fehlte jedenfalls nicht, und im neuen "Garten Edin" hätte ein Gärtner namens Ivan die Punkte abgeerntet.

Titelfoto

Analysen wie diese erheben meist den Anspruch, nüchtern-objektiv zu urteilen. Aber ist das überhaupt möglich bei einer so emotionalen Angelegenheit wie Fußball? Welche "Wahrheit" am Ende gelten soll, ist doch viel eher eine Frage der persönlichen Einstellung. Diese Partie bietet dafür mal wieder beste Beispiele. Wer neutral gepolt ist - bei einem Spiel Schalke 04 gegen 1. FC Kaiserslautern eine eher theoretische Annahme -, durfte sich an einem Drama erfreuen, das vor allem in der finalen halben Stunde beste Fußball-Unterhaltung bot, aber auch taktisch geschulten Augen reichlich Futter bereithielt.

S04-Fans mit lebensbejahender Disposition können sich freuen, dass ihr Team im Schlussspurt einen 0:2-Rückstand aufholte und ihren Optimismus, was die Verpflichtung des fast 40-jährigen Topstars Edin Dzeko angeht, ins Grenzenlose schürt: Der Oldie hat direkt bei seinem ersten Auftritt angedeutet, dass er dieses Team sportlich verbessern, aber auch mental beflügeln kann.

Hui oder pfui? Schalker, dreht's euch, wie ihr wollt



Die Skeptiker unter den Königsblauen dagegen können darauf verweisen, dass der späte Punktgewinn, der ihnen die Tabellenführung erhält, blendet, und das nicht zum ersten Mal in dieser Spielzeit: Wie schon in der Vorwoche beim 0:0 gegen Hertha BSC war der Matchplan ihres Teams dem des Gegners sichtbar unterlegen. Eine Niederlage wäre das konsequentere Resultat gewesen.

In Berlin rettete den Knappen eine starke Defensivleistung das Remis, gegen Lautern bescherten im Grunde nur zwei gelungene Momente den Zähler. So habe Schalke schon viel zu oft gepunktet, als dass es nach 34 Runden zu dem Happy End kommen könnte, nach dem sich ganz Gelsenkirchen sehnt. Könnte man kritteln.

Und so schimpft ein Lautrer. So er denn will

Im Lautrer Lager werden sich die wohl niemals verstummenden Lieberknecht-Kritiker darauf versteifen, dass es abermals nicht gelungen ist, in einem Spiel, das man schon "im Sack" hatte, einen Vorsprung über die Zeit zu bringen. Nach den 1:1-Remis gegen Nürnberg und in Düsseldorf sind's nun schon sechs Punkte, die auf diese Weise flöten gingen. Das könne sich eine Mannschaft, die aufsteigen will, nicht leisten, da fehlten Coolness und Cleverness.

Und sie werden sich einmal mehr an den Spielerwechseln aufhängen. Nach 74 Minuten nahm Trainer Lieberknecht mit Naatan Skyttä und Marlon Ritter seine beiden überragenden Individualisten gleichzeitig vom Platz, zog seinem Team so die schärfsten Zähne. Das hat auch in der Hinrunde gegen Nürnberg schon zwei Punkte gekostet. Könnte man schimpfen.

Aber: Sehen wir es doch mal positiv

Die positiv gesinnten FCK-Freunde dagegen dürfen anführen: Die Roten Teufel haben ihr bislang bestes Auswärtsspiel dieser Saison gezeigt. Sie haben der besten Defensive der Liga, die in den 18 Partien zuvor nur zehn Gegentore kassierte, gleich zwei Stück eingeschenkt. Und der Matchplan ihres Trainers ging 87 Minuten lang dermaßen voll auf, dass einem das Herz lachte. Das betrifft insbesondere die personellen Entscheidungen, die damit einhergingen. Und, ja, auch die Wechsel.

Für welche dieser "Wahrheiten" wir uns entscheiden? Der Schalker Anhang soll selbst urteilen, welche von den beiden, die wir zur Auswahl gestellt haben, ihm angenehmer ist. Wir konzentrieren uns auf den FCK. Und da stellen wir uns auf die Seite derer, für die das Glas halbvoll ist. Aus guten Gründen.

Volltreffer: Chernev hinten links, Robinson im Mittelfeld

Erstens: Die Startelf-Besetzung. Nur vier Tage nach seinem Wechsel in die Pfalz durfte Atanas Chernev von Beginn an ran. Links in der Dreier-Abwehrreihe. Dafür rückte Leon Robinson ins zentrale Mittelfeld. Beide Entscheidungen waren Volltreffer.

"In der Luft und am Boden sehr professionell, sehr präsent", lobte Torsten Lieberknecht den Debütanten hinterher. Und das, obwohl er mit dem 1,68 Meter-Wusel Amin Younes auf einen Gegenspieler traf, der einer 1,95 Meter-Kante wie ihm am Boden leicht Knoten in die Beine spielen kann. Doch Chernev bekam das gut hin. Laut "Wyscout"-Statistik zeichnet er sich für 20 Balleroberungen verantwortlich - der beste Wert aller Defensivkräfte. Was für ein Einstand.

Der Neue kapierte sofort: Diagonalpässe sind der Schlüssel

Damit nicht genug: Der Bulgare hatte auch das taktische Konzept seines neuen Trainers sofort verinnerlicht, die Schalker Abwehr mit diagonalen Flankenwechseln auszuhebeln. Er leitete nach einer halben Stunde die bis dato beste Toraktion seines Teams ein: weiter Diagonalpass auf den rechts durchstartenden Paul Joly, flache Flanke in die Mitte, Ritter nimmt am langen Eck ab, scheitert aber an Schalke-Keeper Loris Karius.

Schon in der Pressekonferenz vorm Spiel hatte Torsten Lieberknecht den Bulgaren gelobt, wieviel taktisches Verständnis schon das erste Gespräch mit ihm verriet. Der Eindruck hat sich bestätigt.

Viel auf zweite Bälle gehen: Leon, der Eroberer

Und Robinson? Gab diesmal im zentralen Mittelfeld den Mann neben Fabian Kunze. Also den, der bei Ballbesitz aufrückt, während die "Holding Six" die Konterabsicherung besorgt. "Meine Aufgabe war heute, viel auf zweite Bälle zu gehen und viel gegen den Ball zu arbeiten", beschrieb er seine Rolle selbst.

Da bleibt nur festzustellen: Mission erfüllt. Sieben Balleroberungen, fünf davon in der gegnerischen Hälfte. Das sind "Galligkeits"-Werte, die ein Semih Sahin, der diese Position in der Hinrunde ausfüllte, in der Regel kaum erreicht. Bei aller fußballerischen Qualität, die er mitbringt.

Muslic sah das Problem hinten links ...

Zweitens: Der Matchplan. Wir haben es bereits erwähnt: Mit permanenten diagonalen Seitenwechseln verschafften sich die in Weiß angetretenen Roten Teufel immer wieder Raum nach vorne. Was auch Schalke-Trainer Miron Muslic sah und zur Verzweiflung brachte.

Besonders seine linke Seite bereitete ihm Kummer. Weil seine Abwehrlinie diese selbst nach "60-Meter-Bällen", die entsprechend lange in der Luft waren, nicht geschlossen bekam, wie er hinterher erklärte. Er begründete dies mit dem kurzfristigen Ausfall Vitalie Beckers, der diese Flanke normalerweise beackert.

... aber rechts hatte er ein viel größeres

Das kann man so sehen. Als Schalke-Trainer. Und als Lautrer darf man ergänzen: Paul Joly machte seine Sache auf der rechten Seite ebenfalls gut. Aber sein Gegenüber auf der anderen Flanke machte seine noch besser. Mika Haas marschierte, als visiere er bei den nächsten Olympischen Spielen Gold im Mittelstreckenlauf an.

Und der Junge rannte nicht nur, sondern ging ebenso pfleglich mit dem Leder um. Fünfmal setzte er gegen einen Gegenspieler zum Dribbling an, fünfmal setzte er sich durch. Und er sorgte so noch bis tief in die Nachspielzeit für Entlastung. Dass es bei so viel Aufwand öfter an der Flankengenauigkeit hakte - geschenkt.

Nach 60 Minuten kommt Prtajin - und trifft. Ohne Worte

Drittens: Die Wechsel. Erstmal der, auf den Torsten Lieberknecht hinterher viel lieber angesprochen worden wäre. Nach 60 Minuten brachte er Ivan Prtajin für Norman Bassette - ein Tausch, den er so früh gar nicht mal selbst wollte, sondern auf Drängen seines Co-Trainers vornahm. So ehrlich ist dieser Chefcoach eben auch.

Prtajin besorgte mit seiner ersten Ballberührung überhaupt den Führungstreffer - Skyttä hatte die Freistoßflanke serviert. Und in der 84. Minute traf der Kroate nach einem Bilderbuch-Konter zum 2:0. Zur Sinnhaftigkeit dieses Wechsels erübrigt sich wohl jeder weitere Kommentar.

Dafür drei Sätze zu seinem Vorgänger Bassette. Der Belgier präsentierte sich auch in seinem zweiten Einsatz im FCK-Dress lauf- und sprintfreudig. Ebenso gut hat er sich bereits ins Spiel gegen den Ball integriert. Um zu zeigen, ob und was er als Vollstrecker draufhat, fehlt ihm bislang aber noch ein wirklich verwertbares Zuspiel. Fortsetzung folgt.

Auch Hansliks Einwechslung machte Sinn

Zu guter Letzt noch die Auswechslungen, die zu den Nachfragen führten, welche den Trainer nervten. Er erklärte es im Grunde recht schlüssig. Ritter und Skyttä seien nicht unbedingt die Spielertypen gewesen, die es in der Schlussphase brauchte, um bei ruhenden Bällen Abwehrarbeit im eigenen Strafraum zu leisten. In der Tat: Dass einem Daniel Hanslik in dieser Beziehung mehr zuzutrauen ist als einem Skyttä, liegt wohl auf der Hand.

Davon abgesehen hat Hanslik auch Prtajins 2:0 eingeleitet. Feinfüßchen Sahin kam diesmal nicht ganz so gut ins Spiel, hat dafür aber vergangene Woche in Hannover als Einwechselspieler das 2:1 markiert.

Man sollte also nicht nur beklagen, wer rausgeht, sondern auch sehen, wer reinkommt. Und da hat der Trainer mittlerweile einiges mehr an Qualität zur Auswahl als gegen Ende der Hinrunde. Jemanden aus dem exzellent funktionierenden Defensivblock rauszunehmen, um im Luftkampf aufzurüsten, hätte erst recht keinen Sinn ergeben.

Der alte Mann und das Tor: Kein Vorwurf an Gyamfi

Warum es doch nichts wurde mit dem Auswärts-Dreier? Okay, okay, da war dieser "Dzeko-Effekt". Den ausführlich zu besingen, überlassen wir den Schalker Medien. Wobei neidlos anzuerkennen ist: Die Art und Weise, wie der Altstar vor seinem Treffer den Ball gegen den ihn eng markierenden Maxwell Gyamfi annimmt, ist Weltklasse.

Ein Vorwurf ist Gyamfi, wie schon beim Gegentreffer in der Vorwoche, auch diesmal nicht zu machen. Immerhin musste Lauterns zentraler Abwehrmann nach der Einwechslung Dzekos einen fußballerischen Kulturschock verkraften. Da der erwartete Mittelstürmer Moussa Sylla vor einem Wechsel in die USA steht, bot Muslic vorne Mitte überraschend Christian Gomis auf. Ein Stürmer, der hauptsächlich übers Tempo kommt und der Gyamfi mehrmals in harte Sprintduelle zwang. Dzeko dagegen bewegte seinen 1,93 Meter-Body auf engem Raum - und das sehr gut. Was nicht nur beim Anschlusstreffer zu sehen war.

Der Ausgleichstreffer: Einer dieser Schalker Momente

Dass Julian Krahl kurz darauf einen Kopfball des jungen Zaid Tchibara direkt vor die Füße von Schalke-Torjäger Kenan Karaman abwehrte - shit happens. Beziehungsweise: Bevor man jetzt über "Torwartfehler" diskutiert, sollte man eher fragen, wieso nach dem vorangegangenen Eckball nicht mehr FCK-Akteure am langen Eck postiert waren.

Das sind eben die besagten Momente, von denen die Schalker leben. Und von denen sie, auch das muss fairerweise gesagt werden, durchaus noch den einen oder anderen mehr hatten. Nach 58 Minuten etwa kam Timo Becker nach einer Ecke vor dem Lautrer Fünfmeterraum völlig frei zum Kopfball, doch sein Aufsetzer prallte vom Boden über die Torlatte hinweg.

Zu diesem Zeitpunkt hatte S04 zwar mehr Ballbesitz, das Spiel aber kein bisschen im Griff. Und wäre dennoch ums Haar 1:0 in Führung gegangen. "Ärgern oder nicht ärgern?" - diese Frage wäre aus FCK-Sicht in diesem Moment viel eindeutiger zu beantworten gewesen.

Ballbesitz ist eben nicht alles

Zu den Grafiken. 1,60 : 0,91 nach xGoals für Schalke. Das klingt, als hätte S04 klar gewinnen müssen, die Timeline zeigt aber doch sehr deutlich: Es ist die eine Aktion Karamans, die den Wert hochtreibt. Prtajin kann halt auch aus weniger klaren Chancen netzen.

xG-Timeline S04-FCK

Die Positions- und Passgrafik der Roten Teufel: Spielaufbau gab's diesmal fast nur über die Flügel. Ritter (Nr. 7) und Skyttä (15) sind deutlich tiefer positioniert als zuletzt. So sah es der Matchplan nunmal vor. Allerdings: Der arme Bassette (17) wurde nur von ganz hinten und ein paar Mal von Haas (22) angespielt. Skyttä passte so gut wie gar nicht zu neben und vor ihm postierten Mitspielern. Was auch ein Hinweis darauf ist: Seine Auswechslung schwächte nicht so, wie es manche gesehen haben wollen.

Passmap FCK

Die Passmap der Schalker: 58 Prozent Ballbesitz verzeichneten die Knappen am Ende. Ein für ihre Verhältnisse geradezu astronomischer Wert. Die Visualisierung aber zeigt, wo genau das Leder meist herumkreiste: in ungefährlichen Zonen.

Passmap S04

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