Taktik-Nachlese zum Spiel FCK-Hannover
Die DBB-Analyse: Am Kopfball erkennt man den Könner
Zum Jahresabschluss ein 2:3 zuhause gegen den 1. FC Magdeburg, zum Start ins Jahr ein 3:1 gegen Hannover 96, einen Gegner mit durchaus vergleichbarer Spielanlage. Da stellt sich doch die Frage: Was hat der 1. FC Kaiserslautern in dieser zweiten Begegnung besser gemacht? Hat er am Ende in der Winterpause sogar etwas dazugelernt, was er auch im weiteren Verlauf der Rückrunde nutzt? Versuchen wir uns zunächst mal an einfachen Antworten.
In der Spitze und in der Breite mehr Qualität
Erstens: Gegen Hannover stand mindestens ein Spieler auf dem Platz, der über eine individuelle Qualität verfügt, die den Lautrern bei der Heimniederlage gegen Magdeburg abging. So ein Kopfballtor wie das, das Ivan Prtajin zum 1:1-Ausgleich in der 74. Minute markierte, bekommt niemand sonst in diesem Kader hin. Der Kroate kann kaum Anlauf nehmen, um Luca Sirchs Rechtsflanke zu erwischen, muss sogar in die Knie gehen, so dass er keine Wucht hinter seinen Kopfstoß zu bringen vermag. Dieses Manko aber macht er mit Genauigkeit wett: Er platziert das Leder so haarscharf neben dem linken Pfosten, dass sich 96-Keeper Nahuel Noll nicht mehr lang genug machen kann, um es noch zu erwischen.
Zweitens: Der FCK war in dieser Partie imstande, durch Einwechslungen an Qualität zuzulegen. Gegen Magdeburg, aber auch schon in der gesamten Schlussphase der Hinrunde hatte er nach Auswechslungen eher an Qualität verloren. Mit Neuzugang Norman Bassette und den aus Verletzungspausen zurückgekehrten Prtajin und Kenny Redondo standen Torsten Lieberknecht drei Spieler zur Verfügung, die zuletzt nicht im Kader standen. Und die ermöglichten den entscheidenden Move. Der noch nicht ganz fitte Torjäger Prtajin sowie Edeltechniker Semih Sahin kamen erst nach 60 Minuten in die Partie - und sorgten für die Wende.
Nur zwei Wechsel - und Sahin kam erstmals von der Bank
Ebenfalls bemerkenswert: Es brauchte auch nur diese beiden. Lieberknecht, der sein Auswechselkontingent sonst fast immer voll ausschöpfte, beließ es diesmal bei diesen zwei Tauschaktionen. Weil er nicht riskieren wollte, durch weitere den Spielfluss zu gefährden, wie er hinterher erklärte. Exakt das war ihm trotz auch vieler gelungener Wechselspiele in der Hinrunde immer mal vorgeworfen worden.
Moment mal: Sahin kam von der Bank? Nachdem er in der Hinserie bei sämtlichen 17 Partien von Beginn an dabei war? Richtig. "Ich wollte vorne noch einen hochgewachsenen Mann mehr, und Marlon Ritter wollte ich nicht rausnehmen", begründete Lieberknecht, weshalb er sich für die Besetzung eines Offensiv-Quartetts mit Daniel Hanslik, Naatan Skyttä, Ritter und Bassette entschieden hatte. Im vergangenen Halbjahr noch stand "MR7" nach solchen Überlegungen durchaus zur Disposition.
Neue Gedankenspiele also. Mal sehen, wie diese sich weiterentwickeln.
Glück braucht's auch in einem solchen "Phasenspiel"
Soweit die einfachen Erklärungen. Ja, natürlich: Glück war auch im Spiel. Aber so ein bisschen davon braucht es in dieser ausgeglichenen Liga fast immer. Das hatte auch Magdeburg gegen den FCK, und nun eben der FCK gegen Hannover. In dieser Partie war der glücklichste Moment für die Gastgeber wohl der, als Bassette in der 15. Minute lediglich die Gelbe Karte sah. Nach seiner Grätsche gegen 96-Kapitän Enzo Leopold wäre womöglich mehr drin gewesen.
Selbstverständlich hatte dieses Spiel noch einige Momente mehr, in denen sich das Blatt gegen die Roten Teufel hätte wenden können. Es war, wie so viele in Liga Zwei, ein "Phasenspiel". Das schon vom Anpfiff weg anders lief als die Partie gegen Magdeburg. Da nämlich begannen die Lautrer hochkonzentriert und verloren nach rund 20 Minuten den Faden. Diesmal lief's genau umgekehrt.
Keine Frage: 96 dominierte die Anfangsphase
Zunächst hatten die Hannoveraner den Betzenberg voll im Griff. Coach Christian Titz hatte, für viele überraschend, Benedikt Pichler im Sturmzentrum aufgeboten, seinen Torjäger Benjamin Källman auf die Bank gesetzt. Pichler könne vorne Bälle festmachen, außerdem durch sein Anlaufverhalten den Gegner dazu zwingen, nur lange Bälle zu schlagen, erklärte der Trainer dazu hinterher.
Diese Rechnung ging in der Anfangsphase auch voll auf. Das Aufbauspiel der Lautrer bestand vorwiegend aus ungenau gehauenem Langholz, das für die hinterher hechelnden Stürmer kaum bis gar nicht erreichbar war. Ihr Angriffspressing bei Ballbesitz des Gegners war zu zaghaft. Die Gäste dagegen zogen ihres viel zielgerichteter durch.
Pichler verpasste zwei erste Hereingaben seiner Flügelspieler nur knapp. Interessant, dass Titz diese "invertiert" aufstellte: Mit Daisuke Yokota und Maurice Neubauer servierten zwei Linksfüßer ihre Bälle von rechts, während gegenüber mit Noah Weißhaupt und Kolja Oudenne zwei Rechtsfüßer flankten.
Nach 25 Minuten kommt Lautern ins Spiel
Doch nach 25 Minuten kam der FCK stärker auf, und dies sogar richtig gut. Ursächlich waren ein verbessertes Anlauf- und ein schärferes Zweikampfverhalten. Die einfachen Dinge eben. Dadurch verlagerte sich das Spiel mehr in die Hälfte der Niedersachsen.
Und, hört, hört: Die erste gute Toraktion der Betze-Buben resultierte nicht aus frühem Ballgewinn und schnellem Umschalten, was ja FCK-typisches Stilmittel sein soll. Sondern wurde im Rahmen eines über einmütigen Ballbesitzes gegen einen tief positionierten Gegner herausgespielt. Unterbrochen wurde dieser nur für einen Sekundenbruchteil, als ein Schussversuch Ritters aus der zweiten Reihe abgeblockt wurde. Den wegprallenden Ball aber machten die Lautrer direkt wieder fest, und nach einer Brustvorlage Hansliks tauchte Skyttä frei vor Noll auf, der aber sofort zur Stelle war.
Kurz darauf ergab sich für Skyttä noch eine zweite Einschussgelegenheit, die Noll mit dem Fuß klärte. Vorbereitet hatte diese Mika Haas mit einem Sprint über die linke Seite.
Noch ein Plus: Die Flügel sind wieder erstarkt
Apropos Haas, apropos "Wingbacks". Auch auf diesen Positionen präsentierte sich der FCK gegenüber der Magdeburg-Partie wieder deutlich verbessert. Haas' Akku, der gegen Ende der Hinrunde schwächelte, war wieder aufgeladen, auf der rechten Seite war Paul Joly wieder im Vollbesitz seiner Kräfte, nachdem er sich nur noch angeschlagen in Winterpause gerettet hatte. Die "Kicker"-Redakteure Moritz Kreilinger und Conrad Carl hatten vergangene Woche anhand von Daten und Fakten aufgezeigt, um wie vieles besser gerade diese beiden das FCK-Spiel machen - der Artikel ist nur mit Abo zugänglich, aber wir empfehlen ihn. Gleichwertige Backups, auch das zeigt diese Analyse, hält der Kader nicht bereit. Allenfalls Simon Asta könnte eine Alternative darstellen, wenn er wieder hundertprozentig fit ist.
Dass das Lautrer Flügelspiel zu ihrem Problem werden könnte, hatte 96-Trainer Titz sogar vorausgesehen. Und seine Jungs entsprechend angewiesen, auf die "Annahme" der Wingbacks zu achten. Doch eben die schlug vor dem 1:1-Ausgleich fehl. Am Flügel durch setzte sich allerdings kein Außenbahnspieler, sondern ein Innenverteidiger: Luca Sirch, der in Hälfte eins noch mit gebremstem Schaum unterwegs war. In der Schlussphase aber mutierte er zum Antreiber. Erst recht, nachdem die Gäste nur noch zu zehnt waren.
Von Hui zu Pfui in zwölf Minuten: Waniss Taibi
Waniss Taibi sah in der 78. Minute Gelb-Rot, nachdem er erst in der 64. Minute eingewechselt worden war und in der 70. die erste Gelbe gesehen hatte. Womit der Franzose wohl die wechselvollsten zwölf Minuten seiner Karriere erlebt hatte. Denn in der 67. Minute hatte er auch den Führungstreffer der Seinen vorbereitet - und das absolut brillant.
Nach einem Fehlpass Jolys am 96-Strafraum und einem gescheiterten Gegenpressing der Roten Teufel ging Taibi den langen Weg durchs nun offene Mittelfeldzentrum und drang, nachdem er auf Yokota abgelegt hatte, in den gegnerischen Strafraum ein. Als Yokotas flache Flanke von Maxwell Gyamfi unglücklich abgeprallt war - als "Fehler" kann ihm das diesmal aber nicht ausgelegt werden -, kam Taibi wieder in Ballbesitz, legte mit der Hacke auf Kapitän Leopold ab, und der durfte völlig ungehindert einschießen.
Der Ausgleich für den FCK fiel allerdings noch, als Hannover noch vollzählig war. Und die Betze-Buben waren zu diesem Zeitpunkt gut im Spiel. Und hätten, nicht zuletzt wegen des nun stark Dampf machenden Sirch, das Spiel womöglich auch gegen elf 96er noch umgebogen. Andererseits ist's müßig, solche Fragen zu diskutieren. Und wie betonte Trainer Lieberknecht nach dem Spiel? Gegen zehn Mann treffen zu müssen, mache die Sache nicht unbedingt einfacher.
Die Entscheidung fällt durchs Zentrum
Der entscheidende Schlag wurde dann jedoch gar nicht über die Flügel vorbereitet. Prtajin, Sahin und Co. knoddelten sich irgendwie durchs Zentrum, Sahin vollstreckte.
Das abschließende 3:1 wiederum war was fürs Kuriositätenkabinett. Keeper Noll war bei einer finalen Ecke für 96 in den Lautrer Strafraum aufgerückt. Skyttä behauptete sich gegen ihn erst im Kopfballduell, danach rannte er im Wettlauf über den ganzen Platz davon, als es galt, den aus der Tiefe herausgeschlagenen Ball von Sahin zu erhaschen. Die Arme riss der Finne schon hoch, bevor er das Leder über die Linie schob - und die "West" feierte Karneval in Kaiserslautern.
Prtajins "unmögliches" Kopfballtor
Zu den üblichen Grafiken: 1,83 : 1,72 nach xGoals, das war, na klar, knapper, als das Endergebnis es ausdrückt. Interessant, wie gering die Torwahrscheinlichkeit bei Prtajins Kopfball-Ausgleich bewertet wird. Dass er dennoch drin war - eben daran erkennt man den Könner.
Die Positions- und Passgrafik des FCK. Wir haben es anhand dieser Visualisierung ja schon öfter festgestellt: Streng genommen ist Skyttä (Nr. 15) mehr Stürmer als "Zehner". Auch diesmal war er im Schnitt höher postiert als Hanslik (19), der ja viel eher als solcher bezeichnet wird. Ebenfalls gut zu sehen: Auf der rechten Seite wird wieder fleißig gepasst, denn Joly (26) is back.
Die Passmap der 96er: Die Statistik weist für Hannover 55 Prozent Ballbesitz aus. Diese Visualisierung zeigt: Das spricht nicht unbedingt für Feldüberlegenheit. So richtig am Drücker waren die Gäste nur in der Anfangsviertelstunde, da verzeichneten sie sogar Ballbesitze von über 70 Prozent.
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