Taktik-Nachlese zum Spiel FCK-Hertha
Die DBB-Analyse: Große Fußball-Gala mit bitterem Ende
Prime Time, Betze unter Flutlicht, ausverkauftes Fritz-Walter-Stadion, Traumkulisse, Wahnsinns-Choreo vorm Abpfiff. Schöner hätte nicht angerichtet sein können für eine große Fußball-Gala. Der aber für die Gastgeber endet, wie sie kaum bitterer hätte enden können. Mit einem vermeintlichen Ausgleichstreffer in der Nachspielzeit, der erst grenzenlosen Jubel auslöst, dann aber jäh für Ernüchterung sorgt, weil der VAR einmal mehr die Spaßbremse zieht. Torsten Lieberknecht spricht allen Fans des 1. FC Kaiserslautern aus dem Herzen, als er hinterher erklärt, er fühle sich, als sei ihm selbiges aus der Brust gerissen worden.
In der depressiven Stimmung danach ist aber auch öfter zu hören, diese erste Heimniederlage nach sieben Monaten sei das bislang "schwächste" Heimspiel dieser Saison gewesen. Und der FCK habe insgesamt "zu einfallslos" agiert. Da müssen wir dann doch widersprechen. Das Ergebnis spiegelt, wie so oft, nicht die Leistung wider.
Schlechtes Heimspiel? Guckt erstmal die Zahlen an
Dass die Betze-Buben keinesfalls schwächelten, belegen allein schon diese Zahlen: 123 gelaufene Kilometer, 60 Prozent Ballbesitz, die Zweikämpfe 54 zu 46 Prozent gewonnen. Auch den xGoals-Werten zufolge wäre ein Unentschieden durchaus drin gewesen: 1,35 : 1,04 für den FCK laut "Wyscout", den von "bundesliga.de" und Co. veröffentlichten "Opta"-Daten zufolge waren's sogar 1,43 : 1,17.
Doch muss eben auch mal anerkannt werden: Hertha BSC war der stärkste Gegner, den der FCK in den vergangenen sieben Monaten zu Gast hatte. Keine andere Mannschaft präsentierte sich einerseits so gut organisiert und verteidigte andererseits so leidenschaftlich. Exemplarisch hervorgehoben sei hier nur das alte Schlachtross Toni Leistner. Wie der 35-Jährige in der 70. Minute per Flugkopfball auf der Torlinie klärte, nachdem Naatan Skytää das Leder bereits über Hertha-Keeper Tjark Ernst gechippt hatte. Dass das die alten Knochen noch mitmachen ...
Reese rechts? Leitl dachte wohl, er hätte da leichteres Spiel
Schalke 04 mag aktuell der Tabellenführer bzw. seit heute -zweite dieser Klasse sein, hatte aber am 3. Spieltag im Fritz-Walter-Stadion keinen annähernd so starken Tag. Und gerechterweise muss gesagt werden, dass dem FCK bis zur 55. Minute, als ein Elfmeterpfiff den 1:0-Siegtreffer ermöglichte, im Spiel nach vorne auch nichts Gescheites eingefallen war.
Dieses Spiel wiederum wurde auch durch eine Anpassung mitentschieden, die Stefan Leitl in seiner Formation vornahm. Wobei diese womöglich gar nicht so funktionierte, wie er sich das ausgemalt hatte. Denn der Hertha-Trainer ließ sein Flügelstürmer-Ass Fabian Reese nicht wie gewohnt über die linke, sondern über die rechte Seite angreifen. Der Coach würde es zwar niemals zugeben, aber womöglich dachte er sich, sein Star hätte über diese Seite leichteres Spiel. Weil Lauterns linker Außenbahnspieler Mika Haas zuletzt schwächelte und mit Jisoo Kim der angestammte linke Innenverteidiger fehlte.
Nun, tatsächlich hing das Lieberknecht-Team links kein bisschen durch. Leon Robinson vertrat Kim auch im vierten Pflichtspiel hintereinander mit der ihm eigenen Zweikampfstärke. Und Haas war über die gesamte Zeit der torgefährlichste FCK-Spieler.
Ein Vorderpfälzer mutiert zum Pfälzer Albtraum
Dafür mutierte Reeses Gegenüber zum Trumpfass: Marten Winkler sorgte mit scharfen Antritten immer wieder für Gefahr und bereitete nach 20 Minuten auch den Führungstreffer der Gäste vor. Flanke aus vollem Lauf in die Mitte, und Lauterns zentraler Abwehrmann Maxwell Gyamfi leistet sich einen dieser Aussetzer, die leider immer wieder mal direkt zu Gegentreffern führen. Herthas Mittelstürmer Luca Schuler darf den Ball annehmen und vollstrecken.
By the way: Sieben Treffer hat dieser Schuler nun im Hertha-Trikot erzielt. Drei davon gegen die Roten Teufel. Auf seiner vorangegangen Station in der 3. Liga hat er dem 1. FC Magdeburg auch schon mal einen 1:0-Sieg gegen den FCK sichergestellt. Langsam mutiert der Junge zum Pfälzer Albtraum. Dabei ist er selbst einer. Er ist in Neustadt geboren und hat als B-Junior auf dem Betze gekickt.
Ausgeglichener Beginn, spannende Konstellation
Sein Treffer markierte auch eine erste Zäsur in diesem Spiel. Das nämlich hatte sehr ausgeglichen begonnen. Und versprach, hochspannend zu werden. Eine Begegnung zweier Mannschaften, die sich einerseits ähnelten, weil sie hoch attackierten sowie sehr konzentriert und mannorientiert arbeiteten, sich allerdings unterschiedlich formierten. Hertha in einem 4-2-3-1, wobei Leitl auch seinen angestammten Linksverteidiger Mihal Karbownik auf die rechte Seite gezogen hatte, um den verletzten Linus Gechter zu ersetzen. Links verteidigte Niklas Kolbe.
Der FCK dagegen präsentierte sich in einem 3-5-2 mit einem Sechser und zwei Achtern auf den Halbpositionen im zentralen Mittelfeld. Vorne gab erneut Daniel Hanslik den zweiten Stürmer neben Ivan Prtajin. Marlon Ritter hatte wieder auf der Bank Platz nehmen müssen.
Zwei Aufreger gab's in dieser Anfangsphase ebenfalls schon. Reese verzog aus guter Schussposition, und Hertha-Innenverteidiger Marton Dardai klärte in höchster Not mit langem Bein gegen den einschussbereiten Prtajin.
Nach dem 0:1: FCK muss Spiel machen, Hertha darf kontern
Nachdem jedoch dem Gast die Gnade des ersten Tores zuteil geworden war, gestaltete sich die Partie geradezu klassisch. Die Lautrer waren gezwungen, gegen einen nun tief stehenden Gegner den Weg zum Tor finden. Und die Berliner durften sich aufs Kontern verlegen. Worauf sich einmal mehr zeigte: Reagieren fällt leichter als agieren.
Herthas Angriffe wirkten fortan strukturierter und erfolgversprechender. Höhepunkt war ein Pfostentreffer des erst 16-Jährigen Kennet Eichhorn kurz der Pause. Zudem hatten Reese und Schuler weitere Kopfballchancen. Eine FCK-Hintermannschaft, die im eigenen Strafraum öfter die Lufthoheit verliert - das hat man so schon lange nicht mehr gesehen.
Lauterns Spiel bis zur Pause: Gut gedacht, nicht so gut gemacht
Aber: Bis zur Pause war die Spielanlage der Betze-Buben zumindest richtig gedacht. Nur ließ die Ausführung zu wünschen übrig. Sie versuchten sich den Gegner zurechtzulegen, bis sich die Chance zum diagonalen Flankenwechsel bot, der oft aber zu ungenau war. Ebenso gelangten ein paar Zuspiele durchaus in und kurz vor den Strafraum, wurden aber meist geblockt.
Prtajins Versuch, mit einem Scherenschlag nach Rechtsflanke von Luca Sirch mindestens ein Tor des Monats zu erzielen, scheiterte ebenso wie Semih Sahins Schuss aus der zweiten Reihe, vor dem er sich mit einem schönen Solo in Position gebracht hatte. Die beste Chance eröffnete sich Mika Haas kurz nach der Berliner Führung: Er dringt halblinks in den Strafraum ein, legt sich den Ball auf den rechten Fuß und zieht ab, aber Ernst pariert.
Mehr vertikales Spiel nach der Pause: Erstmal ganz schlecht
In der Pause ordnete Lieberknecht an, mehr das vertikale Spiel zu suchen. Und das setzten seine Jungs in der folgenden Viertelstunde in der Tat erstmal "einfallslos" um. Die uninspiriert vorne hinein geschlagenen Bälle werden zur leichten Beute für die Hertha-Abwehr. Und selbst wird der Gast immer gefährlicher. Erst darf Michael Cuisance freistehend aufs Tor köpfen, dann klärt Keeper Julian Krahl in höchster Not gegen Reese. Erneut hatte Winkler geflankt. Und zuvor hatte Robinson den Ball im Spielaufbau verloren.
Überhaupt war dies ein Manko im Lautrer Spiel. Ansonsten starke Zweikämpfer verloren mehr Bälle als sonst. Was allerdings weniger einer schwacher Tagesform geschuldet sein muss, sondern eher Resultat der starken Berliner Mannorientierung sein dürfte. Hier eine "Wyscout"-Statistik, die die Werte dieses Spiels mit dem Durchschnitt der vergangenen fünf Partien vergleicht.
Da fällt vor allem Sirch auf, der auch längst nicht so ins Marschieren kam, wie man es von ihm gewohnt ist. Insgesamt 52 Ballverluste ereigneten sich beim Versuch, nach vorne zu spielen, 25 bei Zweikämpfen.
Zwei Wechsel bringen den FCK endlich in die Spur
Nach 60 Minuten aber fanden die Gastgeber doch noch in die Spur. Endlich. Hanslik war gerade eine Flanke auf den Kopf von Prtajin geglückt, der allerdings nicht genug Druck hinter den Ball bekam. Danach musste der Kapitän gehen. Lieberknecht nahm zwei Wechsel vor, die das Spiel seiner Jungs neu ordnen sollten. Für Robinson kam Ritter, für Hanslik Mahir Emreli.
Fabian Kunze rückte nun als zentraler Mann in die linke Dreier-Reihe, Gyamfi verteidigte links, Sirch rechts. Sahin übernahm den hinteren Mittelfeldpart, Ritter und Skytää ackerten auf den Halbpositionen, Emreli und Prtajin im Sturm. Das mutete riskant an, aber: Es funktionierte. Auch in der Restverteidigung, in der sich bis dato ständig Lücken aufgetan hatten.
Lazarus war gestern. Das Drama um Emreli
Einer brannte ganz besonders: Emreli. Vielerorts als "Sorgenkind" oder sogar schon als "gescheitert" abgestempelt, weil ihm der Trainer seit August keine Einsatzminuten mehr gegönnt hatte. Es war bis hintersten Ecke der Stadionkatakomben zu spüren, wie sehr er seine Chance nutzen wollte. Immer wieder bot er sich zwischen den Linien an, verteilte von dort die Bälle an seine Mitspieler und lauerte auf die Gelegenheit, selbst zum Erfolg zu kommen.
Und die kam. In der 70. Minute. Leistners eingangs geschilderte Kopfabwehr landet bei Emreli, sieben Meter vorm Tor. Er zieht ab. Drüber. Es wäre eines der größten Comebacks seit Lazarus gewesen.
Dann der Schock. Nur fünf Minuten später fasst Emreli sich an den Oberschenkel. Es hilft nichts, er muss wieder raus. Von zwei Betreuern eingerahmt, humpelt er unter Tränen vom Feld. Fußball kann so grausam sein. Ob er länger ausfällt, ist noch nicht bekannt.
Druck bis zum Schluss, aber kein Feuerwerk
Für Emreli kommt Tachie, der nicht ganz so sehr brennt wie Emreli, sich bis zum Abpfiff aber auch noch dreimal als Torschütze probiert. Richtig gefährlich ist jedoch nur sein Versuch in der 79. Minute, bei dessen Abwehr Ernst nachfassen muss. Auch bei weiteren Versuchen von Haas aus halblinker Position ist der Hertha-Keeper auf dem Posten.
Am Ende haben die Roten Teufel sicher kein Feuerwerk abgebrannt. Auch kein wirklich gutes Heimspiel abgeliefert, aber keinesfalls das schlechteste der Saison. Die Intensität hat gestimmt. Von daher darf man dem Trainer vertrauen, wenn er erklärt: "Wenn wir so weitermachen, werden wir auch wieder gewinnen."
Ein Wort noch zu dem erneuten VAR-Gedöns. Ja, Prtajin stand abseits. Dies aber war so gut zu erkennen, dass in guten, alten Zeiten direkt nach Ritters Anspiel die Fahne des Linienrichters im Winde geklirret hätte. Und das Stadionpublikum wäre nicht ganz so grausam gequält worden. Weil es nicht erst hätte sekundenlang ausgelassen feiern dürfen, um dann bitterlich enttäuscht zu werden.
Sieh an: Offensiv war Haas stärker als Joly
Zu den Grafiken. Die xG-Timeline zeigt. Nach der 60. Minute hatte Hertha keine nennenswerte Toraktion mehr. Lieberknechts Umstellung, die so riskant anmutete, hat die Defensive nicht geschwächt. Dafür ging's endlich beherzt nach vorne.
Die Passmap des FCK. Joly (Nr. 26) kam mit den beiden Stürmern Prtajin (9) und Hanslik (19) diesmal nicht so gut in Kontakt wie sein Gegenüber Haas (22). Gut zu erkennen auch die Arbeitsteilung der beiden Mittelfeldspieler auf den Halbpositionen. Sahin (8) betätigte sich halblinks eher als Aufbauspieler, Skytää (15) unterstützte die Offensive.
Zum Vergleich die Passmap der Hertha. Da kann man sagen, was man will: Die brachten ihre Offensivkräfte besser ins Spiel.
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