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Taktik-Nachlese zum Spiel FCK-S04

Die DBB-Analyse: Toller Kampf, spielerisch Semih-optimal

10.08.2025, 13:30 Uhr - Autor: Eric Scherer

"Der erste Dreier ist immer der Schwierigste", erklärte FCK-Trainer Lieberknecht hinterher. Wenn der 1:0-Sieg seines Team über Schalke etwas bewiesen hat, dann das.

Titelfoto

Foto: Imago Images

Auf drei Positionen hatte Torsten Lieberknecht gegenüber dem Auftaktspiel in Hannover (0:1) umgestellt. Zwei Wechsel allerdings nahm er nicht freiwillig vor: Stürmer Ivan Prtajin fehlte wegen Problemen an der Wade, der linke Schienenspieler Kenny Redondo wegen welchen an der Achillessehne. Für sie rückten Daniel Hanslik und Mika Haas in die Startelf. Interessanter, womöglich auch richtungsweisender, war daher der Tausch, den der Coach aus freien Stücken in der Defensive vornahm.

Neuzugang Jisoo Kim rückte für Jan Elvedi in die Dreier-Abwehrkette. Auf die linke Seite, für die er ja auch vorgesehen ist. Auffällig aber: Luca Sirch gab nicht den Mann in der Zentrale, sondern positionierte sich rechts. In der Mitte verteidigte Maxwell Gyamfi. So angeordnet hatte Lieberknecht die beiden auch schon im einmal im Testspiel gegen Notts County, zumindest vorübergehend. Kann also gut sein, dass diese Variante als zukunftsfähig ansieht.

"Totaal Voetbal"? Das jetzt nicht, aber totaler Kampf



Vorne startete in Hanslik erwartungsgemäß in der Mitte. Flankiert wurde er links von Rechtsfuß Marlon Ritter, rechts von Linksfuß Mahir Emreli. Die beiden agierten allerdings nicht wie zuletzt eher als Halbstürmer, sondern weit auseinandergezogen, als Flügelstürmer. In zentralen Mittelfeld schob sich Semih Sahin oft weit vor Abräumer Fabian Kunze. Das ergab in der statischen Draufsicht fast so etwas wie ein 3-4-3 mit Mittelfeldraute. Eine Formation, die Taktik-Historikern die Augen leuchten lässt. So ließ einst Johann Cruyff spielen, um seiner Idealvorstellung vom "Totaal Voetbal" nahezukommen.

Was sich im proppenvollen Fritz-Walter-Stadion dann aber tatsächlich abspielte, rechtfertigt diesen Vergleich kaum. "Totaler Fußball" war das absolut nicht. Dafür totaler Kampf, in einigen Szenen auch mal Krampf. Geführt von zwei leidenschaftlichen, konzentrierten und gut strukturierten Teams - war ihre Defensivarbeit angeht.

Gegner bewegen, Diagonale suchen - hätte einmal fast geklappt

Wer eine spielerische Weiterentwicklung des FCK beobachten wollte, die nach dessen jüngsten Auftritten dringend geboten schien, musste schon sehr genau hinschauen. "Den Gegner in Bewegung bringen und die Diagonalen suchen", so beschrieb Lieberknecht einen seiner Ansätze in der PK nach dem Spiel. Genau so wäre beinahe schon nach 30 Sekunden das 1:0 für den FCK gefallen. Ritter, tief an der linken Außenlinie postiert, schickte mit einem Diagonalball Hanslik auf die Reise, für den der Einschusswinkel aus halblinker Position dann aber doch zu spitz war.

Anschließend aber tat sich im Offensivspiel der Lautrer lange, lange wenig bis gar nichts, was ernsthaft hätte zu einem Torerfolg führen können. Trotz jeder Menge Ballbesitz, der in der zweiten Viertelstunde sogar an der 80 Prozent-Marke kratzte.

Viele Fehler beim Spiel aus der Abwehr

Vor allem die Aufbaupässe aus der Dreier-Abwehr waren zu fehlerbehaftet, um mehr daraus zu entwickeln. Gyamfi etwa brachte nach 37 Minuten mit missglückten Zuspiel Christopher Antwi-Adjei ins Spiel. Nach dessen Steckpass auf Moussa Sylla konnte er die Situation gemeinsam mit Keeper Julian Krahl gerade noch klären. Und die Gelbe Karte, die der neue zentrale Abwehrmann kurz vor der Pause kassierte, als er kurz vorm eigenen Strafraum nach dem durchbrechenden Soufiane El-Faouzi grapschte, war buchstäblich in letzter Sekunde.

Dafür kontrollierte das Trio Sirch-Gyamfi-Kim den Luftraum souverän, insbesondere nach ruhenden Bällen. Und der vor Kette abräumende Kunze sorgte dafür, dass die Gastgeber in den entscheidenden Spielfeldzonen meist Zweikampfsieger blieben. Auch Youngster Haas erledigte defensiv einen guten Job - und könnte schon bald mehr sein als nur ein Backup für Redondo.

Fußballerischer Feinschliff? Potenzial wäre ja schon da

Gegenwärtig noch scheint es FCK-Spiel besser zu bekommen, wenn sich das "Aufbauspiel" auf Keeper Krahl beschränkt. Der die Bälle weit nach vorne pumpt, wo sich die Roten nach der Kopfballabwehr des Gegners das Leder dann gleich wieder zurückholen. Und anschließend wird der Weg über die Flügel gesucht. Dass Potenzial für einen weiteren Feinschliff vorhanden ist, war aber durchaus auch zu erkennen. Insbesondere in der Person vom Semih Sahin, der den Ball auch in engen Räumen zu behaupten vermag und vielleicht nur selten riskant, immer aber klug abspielt.

Und der permanent auf der gesamten Breite des Spielfelds in Bewegung ist, um sich seinen Mitspielern als Anspielstation anzubieten. Die Teamkollegen in der hinteren Reihe müssten ihn halt noch öfter suchen und finden. Dass Sahin im Bewertungssystem von "Sofascore" als schwächster Lautrer auftaucht, ist ein Witz. Da werden Spieler, die viele kleinen Dinge richtig machen, einfach zu niedrig eingepreist.

Flache Ecke? Super Idee, wenn sie zum Erfolg führt

Ausbaufähig wäre sicher auch noch Sahins Zusammenspiel mit Mahir Emreli. Der trat bis zu seiner Einwechslung in der 72. Minute zwar lediglich einmal torgefährlich in Erscheinung, bestätigte aber, dass er für einen Spieler so weit vorne im Feld erstaunlich ballsicher ist: 86 Prozent Passpräzision, davon konnten Ritter (60 Prozent) und Hanslik (54 Prozent) nur träumen.

Wie die Roten Teufel die Partie schlussendlich für sich zu entscheiden vermochten? Kurios war's schon. Nach 55 Minuten sprach eigentlich nichts dafür, dass sie in Führung gehen könnten. Doch dann entschloss sich Ritter, einen Eckball flach in den Strafraum zu treten. Eine Idee, die nicht gerade als clever gilt. Es sei denn natürlich, sie führt zum Erfolg.

Ron Schallenberg und Hanslik gehen dem Ball entgegen, Schallenberg trifft dabei nicht das Leder, sondern klar das Bein des Gegenspielers. Dennoch lässt Schiedsrichter Martin Petersen das Spiel erstmal weiterlaufen. Erst nach der nächsten Unterbrechung wird er vom VAR an den Monitor geschickt, um sich die Strafraumszene nochmal anzuschauen. Zuvor zeigt er Emreli noch Gelb. Und dann schaut der Schiri ... und schaut ... und schaut ... und pfeift Elfmeter.

Nichts für schwache Nerven

Echt jetzt. Irgendwann werden diese videogesteuerten Schiedsrichterteams mal wegen fahrlässiger Körperverletzung angezeigt, weil sie zahlenden Zuschauern im Stadion permanent Herzaussetzer verursachen. Dabei wollen die doch einfach nur ein Live-Spiel genießen. Aber was ist daran noch "live"? Und: Hätte die Gelbe Karte gegen Emreli nicht zurückgenommen werden müssen? Der Schiedsrichter jedenfalls machte keine entsprechende Geste. Dass der sicher nicht für seine Fallsucht bekannte Hanslik gefoult wurde, hätte er wie viele Zuschauer jedenfalls auch auf Anhieb wahrnehmen können, S04-Coach Miron Muslic gab den Elfmeter später ebenfalls als klar berechtigt zu.

Ritter verwandelt mit einem seiner für ihn typischen Wackel-Elfmetern. Die sind für Blutdruckpatienten auch nicht gerade gesundheitsfördernd. Aber: Wenn es zum Erfolg führt ...

Nach dem 1:0 läufts besser

Und danach? Bekommt der FCK das Spiel recht gut in den Griff. Kommt jetzt endlich auch mal zu einem richtig guten Torabschluss im gegnerischen Strafraum, als Ritter mit Technik und Tempo energisch in den Strafraum eindringt und Emreli anspielt, der aber abgeblockt wird.

Außerdem arbeiten die Betze-Buben jetzt so intensiv gegen den Ball, wie es zuvor die Schalker getan haben. Am Ende sind sie 118,39 Kilometer gelaufen, 1,4 Kilometer mehr als die nicht minder fleißigen Gäste. Solche Werte gab's von FCK-Teams in den vergangenen Jahren selten zu lesen.

Der VAR lässt nach 83 Minuten noch ein weites Mal die Adrenalinspiegel überschwappen. Der eingewechselte Leon Robinson sieht von Petersen zunächst Rot, wird nach eingehendem Videostudium aber begnadigt und bekommt nur Gelb. Die Nachspielzeit erhöht sich dadurch auf irre zwölf Minuten. Unterbrechungen sollen laut neuer Regel ab dieser Saison noch länger hintendrauf geschlagen werden als sowieso schon.

Alidou einmal mehr unglücklich

In dieser Schlussphase mischt auch Neuzugang Naatan Skytää mit. Er ersetzt Emreli als Linksfuß auf der rechten Seite. Und schafft es, zweimal Faride Alidou in Schussposition zu bringen, der für Hanslik gekommen ist. Zugegeben, ziemlich überraschend. Wer den FCK in den vergangenen Wochen beobachtete, hätte eher auf Richmond Tachie als ersten Stürmer-Ersatz getippt.

Und Alidou? Hätte er doch nur eine dieser beiden Chancen verwandelt. Ein Erfolgserlebnis hätte ihn vielleicht endlich in die Spur gebracht. So reiht sich dieser Auftritt in seine diversen anderen unglücklichen Darbietungen seit seinem Wechsel an den Betzenberg ein.

Seine Teamkollegen dagegen dürfte die Sieg-Erfahrung gepusht haben. Denn wie sagte Torsten Lieberknecht nach dem Spiel so treffend: "Der erste Dreier ist immer der Schwierigste." Und mit dem gewonnenem Selbstvertrauen geht demnächst vielleicht auch spielerisch mehr.

Aufbauspiel künftig über die seitlichen Innenverteidiger?

Zu den Grafiken. Der FCK gewinnt auch nach expected Goals 1,32 : 0,36, also ziemlich klar. Okay, Ritters Elfmeterchance macht von diesem Wert allein rund 0,75 aus. Und nach der ersten Halbzeit stand's xG-technisch 0,07 : 0,29. Da war wahrlich noch kein FCK-Sieg abzusehen. Aber die Lautrer Defensive, die in den letzten zwei Saisons 119 (!) Gegentreffer kassiert hatte, stand wieder ordentlich. Das gehört auch zur Wahrheit dazu.

xG-Timeline FCK-Schalke

Die Positions- und Passgrafik des FCK: Schöne 3-4-3 Struktur, auch wenn die Spots der eingewechselten Spieler das Gesamtbild ein wenig stören. Emrelis (Nr. 10) wird von Skytää (15) verdeckt. Die zentralen Mittelfeldspieler Kunze (6) und Sahin (8) sind gut eingebunden.

Passmap FCK

Zum Vergleich die Passmap der Schalker: Schön zu sehen, wie gut sich Drittliga-Neuzugang El-Faouzi (23) bereits als zentrale Schaltstelle etabliert hat.

Passmap Schalke

Und zum Schluss noch die Überkreuzsicht auf die Passkombinationen. Aus der Dreier-Kette werden die meisten Bälle nicht mehr wie in den Vorjahren über den zentralen Mann nach vorne gespielt, sondern über dessen Mitspieler links und rechts. Das könnte durchaus typisch fürs künftige FCK-Spiel werden. Erklärt es doch, weshalb der spielstarke Sirch auf die rechte Seite gewandert ist und Lieberknecht links unbedingt einen Linksfuß wollte.

 Passkombinationen FCK

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