Interview des Monats: FCK-Trainer Torsten Lieberknecht (Teil 2/2)
"Der Aufstieg mit dem FCK wäre ein Lebenstraum"
Der Betze brennt: Torsten Lieberknecht, lassen Sie uns übers bereits vorhandene Personal sprechen: Schon bei Ihren Aufstellungen in den finalen Saisonspielen, aber auch in den Tests zuletzt war zu sehen: Auf der linken Außenbahn setzen Sie auf Kenny Redondo und Mika Haas. Erik Wekesser und Florian Kleinhansl, die beiden, die im Sommer 2024 für diese Position geholt wurden, müssen sich jetzt anderswo beweisen. Kleinhansl probierten Sie mehrfach als linken Innenverteidiger in der Dreierkette aus. Könnte er sich da dauerhaft etablieren?
Torsten Lieberknecht (51): Bislang hat er das ordentlich gemacht. Er muss in der Defensive noch dazulernen, aber das müssen andere auch, weil ich bestimmte Vorstellungen habe, wann wie verteidigt werden muss. Auf jeden Fall hat mich Flos Auftreten in meiner Auffassung bestärkt, dass ich einen Linksfuß auf dieser Position haben will. Und, ja, unter den Spielern, die ich aktuell im Kader habe, ist er in dieser Rolle definitiv eine Option. Eine andere Option für diese Position, vielleicht sogar schon in Hinblick auf den Test gegen AS Rom, haben wir jetzt mit Jisoo Kim hinzubekommen.
"Man muss dem Nachwuchs ein Gesicht geben"
Der Betze brennt: Zu Mika Haas. Mit ihm hat sich wieder ein Junge aus dem Nachwuchsleistungszentrum im Profi-Kader etabliert. Vergangene Saison schaffte das bereits Leon Robinson, davor kam lange Zeit nichts aus dem Nachwuchsbereich. Wer steht als nächster auf dem Sprung?
Lieberknecht: Jetzt im Trainingslager hatten wir ja unsere jungen Torhüter dabei, Enis Kamga und Moritz Jung, demnächst kommt auch Fabian Heck nach seiner Handverletzung wieder zurück, auch Randy Hülsmann trainierte schon oben mit. Da haben wir ein wirklich überragendes Potential. Die U19 habe ich zuletzt im Verbandspokal-Endspiel in Idar-Oberstein gegen Mainz 05 (4:2 nach Verlängerung; Anm. d. Red.) gesehen. Da sind drei, vier Jungs dabei, die einen Fantasien entwickeln lassen, wie sie die nächsten Schritte gehen könnten. Gleiches gilt für die U21. Für mich als Trainer gibt es nichts Schöneres, als einem Jugendspieler die Tür zu öffnen. Man muss dem Nachwuchs nicht nur Gehör schenken, man muss ihm auch ein Gesicht geben.
Der Betze brennt: Wie wichtig wäre es, dass die U21 in die Regionalliga aufsteigt?
Lieberknecht: Ach, das sehe ich eigentlich recht entspannt. Sich gegen Spieler behaupten zu müssen, die ein paar hundert Oberliga-Spiele auf dem Buckel haben, bringt die Jungs auch weiter. Hauptsache Herrenfußball. Die Regionalliga wäre halt nochmal einen Tick anspruchsvoller. Der FCK kann jedenfalls stolz darauf sein, immer an seiner U21 festgehalten zu haben, auch in der finanziell schwierigen Zeit in der 3. Liga. Ich musste da in Darmstadt sehr für kämpfen. Andere Klubs haben ihre zweiten Mannschaften ganz abgemeldet und merken nun, dass das ein Fehler war, müssen teilweise von der Kreisliga aus neu anfangen.
Der Betze brennt: "Hauptsache Herrenfußball" - da hören wir raus, dass die Idee einer eigenen U21-Nachwuchsliga, die wegen der Unattraktivität der zweiten Mannschaften immer wieder aufkommt, nicht unbedingt in Ihrem Sinne wäre?
Lieberknecht: Jürgen Klopp hatte das ja zuletzt angestoßen. Ich denke, da denkt er zu sehr an die Eliten. Bei denen ergibt das vielleicht Sinn. Für mich ist das nicht so ein Thema. Ich finde, unsere Jungs sollten in einer Liga spielen, in der man sich sportliche Ziele setzen kann. Und wenn man die nicht erreicht, muss man eben auch absteigen. Und als 18-, 19-Jähriger auch mal gegen die alten Haudegen anzutreten, finde ich wie gesagt auch sehr wichtig für die Entwicklung.
Der Betze brennt: Gerade beim FCK hat man ja in den vergangenen Jahren gesehen, welche Entwicklungssprünge Spieler gerade im Alter zwischen 18 und 23 noch machen können. Aktuelle Beispiele waren und sind Daisuke Yokota oder Luca Sirch .
Lieberknecht: Solche Erfahrungen habe ich schon mit etlichen Spielern gemacht. In Braunschweig etwa mit Karim Bellarabi oder Gerrit Holtmann. Jungs, die über den zweiten oder dritten Bildungsweg noch groß herauskommen. Ein anderes Beispiel: Phil Harres, der bei Homburg Regionalliga spielte und jetzt, mit 23, in Kiel in der Bundesliga unterwegs war. Das ist ja das Spannende: Rechtzeitig zu erkennen, wo kann ein Spieler in zwei, drei Jahren sein.
"Marlon Ritter ist ein Filou, der sich austoben soll - aber ..."
Der Betze brennt: Zurück zum FCK. Marlon Ritter bleibt Kapitän, das ist bereits entschieden. Wo sehen Sie ihn auf dem Platz. Mehr zurückgezogen im Mittelfeld, als Aufbauspieler? Oder weiter vorne? Er kann ja beide Rollen und hat sie auch beim FCK schon gespielt.
Lieberknecht: Also, für mich ist Marlon ein Freigeist, ein Filou, der Geistesblitze hat, die andere nicht haben. Der soll sich auf dem Platz austoben. Sich auch mal den Ball im Mittelfeld abholen, sich selbst in Szene setzen oder einen der Stürmer. Das kann er auf der Position hinter den Spitzen tun, aber vielleicht auch als einer von zwei Achtern. Er muss aber ebenso wissen, wo sein Platz ist, wenn der Gegner den Ball hat. Auch darunter hat das FCK-Spiel vergangene Saison gelitten. Dass vorne nicht genug gearbeitet worden ist, um Gegentore zu verhindern.
Der Betze brennt: Dass Ihr Euch gerüchteweise um Zehner wie Marvin Mehlem oder Nataan Skyttä bemüht, lässt nunmal spekulieren, dass "MR7" künftig eventuell weiter hinten eingeplant ist ...
Lieberknecht: Zehner? Solche Zehner-Typen, wie Maradona es früher war, gibt’s doch gar nicht mehr. Das sind heute offensive Mittelspieler, die auch mal über die Flügel kommen, so wie Yokota. Oder eher Achter. Eine Art Verbindungsspieler. Mit Semih Sahin haben wir so einen Typen ja bereits geholt. Nach seiner Verletzungspause ist Semih noch nicht wieder bei 100 Prozent, macht aber schon jetzt Spaß. Ihm im Training zuzuschauen, in kleinen Spielformen, das ist ein Genuss.
Der Betze brennt: Mehr genießen, als es Ihre Vorgänger vermochten, können Sie offenbar auch Richmond Tachie. Zuletzt Wechselkandidat, bei Ihnen wieder voll dabei. Wie hat er Sie überzeugt?
Lieberknecht: Eine Hauptkomponente ist sicher seine Schnelligkeit. Und auch bei ihm lohnt sich vielleicht die Überlegung, ihn aus seiner Schublade herauszuholen. Drum habe ich ihn mal als rechten Schienenspieler ausprobiert. Ich nehme ihn als positiven Charakter wahr, als einen, der Teil dieser Mannschaft sein will. So tritt er auch im Training auf. Und er ist sehr kommunikativ. Ein Spieler, den man auf jeden Fall im Kader haben sollte.
Der Betze brennt: Die Personalie Tachie weist auch auf ein generelles Problem hin, das der FCK in den vergangenen Jahren hatte. Durch die vielen Trainerwechsel verschob sich ständig die Kaderhierarchie. Einer, der beim einen Trainer Stammkraft war, saß beim nächsten auf der Bank oder wurde abgegeben. Kontinuierliche Personalentwicklung ist so nicht möglich. Wird da mit Torsten Lieberknecht endlich ein neues Kapitel aufgeschlagen?
Lieberknecht: Zunächst mal ist es ganz normal, dass unterschiedliche Trainer unterschiedliche Meinungen über Spieler haben. Ich persönlich versuche immer Lösungen zu finden mit den Spielern, die ich bereits im Kader habe. Ebenso ist es immer mein Credo, kontinuierlich zu arbeiten. Das ist auch beim FCK mein Ziel.
Der Betze brennt: Wir haben in vergangenen Jahren mit vielen FCK-Trainern und Funktionären ausführliche Interviews geführt. Und wirklich jeder hat gesagt: Es wäre schön, wenn bei uns ein Trainer mal so lange arbeiten könnte wie Frank Schmidt in Heidenheim oder Christian Streich in Freiburg. Geklappt hat es nie. Was offenbar vergessen wird: Die Genannten waren/sind stets Teil eines stabilen Gerüsts, das sie stützt: Mit Streich zogen stets Jochen Saier und Klemens Hartenbach an einem Strang, Schmidt weiß immer Holger Sanwald hinter sich. Sie selbst erlebten so eine stabile Konstellation einst in Braunschweig mit Marc Arnold. Kann das Trio Thomas Hengen / Marcel Klos / Torsten Lieberknecht so stark zusammenwachsen, dass der Trainer auch mal drei Spiele in Folge verlieren darf, ohne gleich rauszufliegen?
Lieberknecht: Für die Frage bin ich der falsche Ansprechpartner. Ich weiß nur, dass ich mich selbst am besten kenne. Ich möchte mit meinem Team Erfolg haben, aber mein Bestreben ist nicht: Schneller, Höher, Weiter, sondern bescheidener Fortschritt. Ich möchte jemand sein, der etwas prägt. Ich will, dass die Menschen sich mit der Mannschaft auf und neben dem Platz identifizieren können. Und mit der Art, wie wir ihn repräsentieren. Wenn sie damit einverstanden sind, bin ich sicher, dass wir auch gemeinsam heiße Phasen überstehen. Ich habe meinen eigenen Kopf, ich habe einige Erfahrung, ich war - ohne zu vergessen, dass ich auch abgestiegen bin - in Braunschweig und in Darmstadt erfolgreich, bin mit diesen Klubs in die Bundesliga aufgestiegen. Dies auch mit dem FCK zu schaffen, wäre ein Lebenstraum.
"Was tut der Mannschaft gut und was hilft, zu Punkten zu kommen?"
Der Betze brennt: Markus Anfang wurde im Sommer 2024 geholt, um eine höhere Spielkultur zu etablieren. Als Sie vier Runden vor Schluss, nach nur zwei Siegen aus den neun Spielen zuvor, das Team übernahmen, gaben Sie erstmal die Losung aus: Zurück zur Einfachheit. Damit haben Sie in drei Spielen sieben Punkte geholt, die Aufstiegschance so bis zum 34. Spieltag am Leben erhalten. Wie geht’s nun in der neuen Saison weiter: Werden Sie den Gedanken "mehr Spielkultur" wieder aufgreifen?
Lieberknecht: Angenommen, ich könnte Ihnen einen Deal anbieten: Wir werden 34 Spieltage lang den grässlichsten Fußball spielen, aber wir werden am Ende aufsteigen - würden Sie einschlagen?
Der Betze brennt: Der Reflex sagt "Ja, klar", aber ob wir dann wirklich 34 Spieltage lang die Geduld dafür bewahren könnten - sagen wir mal so: Das würde vielleicht nicht jeder Außenstehende durchhalten.
Lieberknecht: (lacht) Damit wären wir wieder beim Thema Kontinuität. Nein, im Ernst: Es geht darum, stets in der Situation zu erkennen, was tut der Mannschaft gut und was hilft, zu Punkten zu kommen. Ist es besser, schnell nach vorne zu kommen oder den Weg über vier, fünf Passstationen zu suchen? Nur ein Beispiel: Vergangene Saison gab es einen Spieltag, an dem 60 Großchancen gezählt wurden. 40 davon resultierten aus dem gescheiterten Versuch, beim Torwart-Abstoß flach hinten raus zu spielen. Ich kann als Trainer doch nicht einfach nur das schöne Spiel wollen, sondern muss mich auch fragen: Kann das meine Mannschaft überhaupt? Das haben wir doch auch in den ersten Spielen gesehen, in denen ich hier Trainer war.
Der Betze brennt: Inwiefern?
Lieberknecht: Beim 2:1 gegen Schalke haben wir viel besser aus der Abwehr heraus nach vorne gespielt als bei unserem 2:1 gegen Darmstadt. Weil wir einfach gespielt haben. Gegen Darmstadt haben wir krampfhaft versucht, hinten rauszuspielen, obwohl wir das gar nicht wollten, und prompt ein Gegentor gefangen. Und gegen den 1. FC Köln haben wir sogar unser bestes Spiel gemacht - allerdings nur eine Viertelstunde lang. Dann haben wir verloren, weil wir beim tiefen Verteidigen Fehler gemacht haben. Das hat mich am meisten geärgert. Im Grunde waren Darmstadt und Karlsruhe, gegen das wir ein 2:2 geholt haben, viel stärker als der FC an diesem Nachmittag.
Der Betze brennt: Stichwort Abwehr. Mit Darmstadt 98 sind sie 2023 mit einem Torverhältnis von 50:33 aufgestiegen. Das sind sechs Tore weniger, als der FCK diese Saison als Siebter der Abschlusstabelle geschossen hat. Aber auch 22 Gegentore weniger. Damit dürfte wohl klar sein, wo sie den Hebel ansetzen müssen.
Lieberknecht: Absolut. Es gibt da diesen Spruch, der wohl bis in alle Ewigkeit Gültigkeit hat: Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive gewinnt die Meisterschaft. Das heißt aber nicht, dass wir uns erstmal nur hinten rein stellen wollen, um die Abwehr stabil zu kommen. Das kann man mal machen, wenn man weiß, dass der Gegner konteranfällig ist. Es muss aber auch darum gehen, den Ball weit vom Tor wegzuhalten, früh zu attackieren. Abwehrarbeit ist eine Angelegenheit der gesamten Mannschaft. Drum bringt es nichts, wegen der vielen Gegentore nur auf den Abwehrspielern rumzuhacken. Obwohl mir die Dreierkette insgesamt zu unruhig war in der vergangenen Saison. Auch da müssen wir besser werden.
Der Betze brennt: Kommen wir zur Abschlussfrage. In der Regel fragen wir da nach dem Saisonziel, aber da habt Ihr Euch ja schon auf eine Sprachregelung geeinigt: Besser werden als Platz 7. Daher die Frage: Gibt es für Sie persönliche Ziele, die Sie sich gesetzt haben?
Lieberknecht: Ja. Wenn wir schon von Kontinuität sprechen, würde ich gerne längerfristig den Trainerposten am Betzenberg ausüben. Und Identität stiften. Dass ich weiter den Nachwuchs fördern will, will ich als Ziel gar nicht mal nennen, weil das ist für mich selbstverständlich. Wenn ich einen ganz großen Wunsch frei hätte, dann wäre das der: Dass wir im Südwesten wieder die Nummer 1 im Jugendfußball werden.
Der Betze brennt: Lieber Torsten Lieberknecht, dann bleibt uns nur noch, uns für dieses tolle Gespräch zu bedanken - und Ihnen zu wünschen, dass Sie Ihre Ziele und Träume mit dem FCK alle erreichen.
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